Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Nationale Ideologien im Judentum der Gegenwart
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 669 (sequence 5)
- Language
- German
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Nationale Ideologien im Judentum der Gegenwart 669 Volk", hatte er für sich und für Tausende und Abertausende das Losungs¬ und Lösungswort gefunden, und sandte es aus mit nahezu seherischem Blick, indem er auf dieselben Blätter schrieb: „Ich bin im Tiefsten davon überzeugt, daß ich recht habe — ich weiß nicht, ob ich in der Zeit meines Lebens recht behalten werde. Die ersten Männer, welche diese Bewegung beginnen, werden schwerlich ihr ruhmvolles Ende sehen. Aber schon durch das Beginnen kornrnt ein hoher Stolz und das Glück der innerlichen Freiheit in ihr Dasein/' Dies hat sich Wort für Wort erfüllt; und was den Nachsatz betrifft, so können wir alle, die wir jüdisch empfinden, es auch mitbezeugen. Fragte man uns nun aber: wie steht ihr, wie stellt ihr euch zu Herzls Schöpfung? was wollten wir darauf antworten? Zunächst dieses: Will man etwa damit die Summe des Zionismus ziehen? die ganze Summe, zeitgeschichtlich gerechnet, und rein praktisch-rechnerisch, vom Auftreten Herzls bis zu seinem Tode, und sodann bis zum Moment der Gegenwart? Sollte die Frage also gemeint sein, so könnte die zionistische Antwort darauf ebenfalls sehr genau erteilt werden, buchmäßig, Posten für Posten. Denn vom zionistischen Standpunkt kann man doch schon immerhin die Frager auf ganz beträchtliche Ergebnisse konkreter Natur verweisen: auf die palästinensische Kolonisationsarbeit und die vorhandenen Siedlungen, diese verheißungsvollen Erstlinge jüdischer Arbeit; sodann auf den Bestand eines national-zionistischen Grundvermögens, also auf den stetig wachsenden» wohl auch vom Tisch des Reichen, aber auch vom Groschen des Armen gespeisten , Jüdischen Nationalfonds"; sodann weiter auf die einzelnen Institutionen und Institute wissenschaftlicher, volkspädagogischer, hygienischer, kunstgewerblicher Art: auf diese enorme Summe zäher, unter unendlichen Schwierigkeiten sich fortsetzender, oft abgebrochener und immer wieder aufgenommener Kleinarbeit, die einmal, wie wir hoffen wollen, sich zu Großem summieren wird. Zionisten könnten so antworten. Aber die Nationalen haben noch eine andere Antwort darauf zu geben. An alle dem Aufgezählten haben wir, nicht in allem zionistisch Denkende, aber mit ganzer Seele dem nationalen Judentum Ergebene einen sündhaft geringen Anteil. Vielleicht bessern wir uns noch darin; wir sollten es; denn unser bisheriger Anteil daran ist nicht der Rede wert. Nach Anderem noch ging unser Sinn, ja nach diesem anderen vornehmlich. Man hat die erste Zeit der jüdischen Bewegung als die romantische Zeit des Zionismus bezeichnet. Waren aber die Zionisten unter der Fahne Herzls Romantiker, so waren die noch unter keiner Fahne organisierten Nationalen Romantiker stärksten Grades; jene hatten für ihre Sehnsucht nun ein Ziel, einen Weg und einen Führer gefunden, dem sie rückhaltslos folgen wollten; diese schlugen doch auch abseitige Pfade ein, und "Sie waren die eigentlichen Sucher der „blauen Blume" des Judentums. Von ihnen ist auch heute zu sagen: nicht um der Erfolge willen, sondern — so paradox es auch klingen mag — gerade um ihrer äußeren Erfolglosigkeit willen, auch wenn die ganz und gar zugegeben werden müßte, ist uns die jüdische Bewegung in diesen dreißig Jahren so lieb und wert geworden. Daß der angebliche oder tatsächliche Mangel großer konkreter Erfolge der geschichtlichen Wirksamkeit der Bewegung keinen Abbruch zuzufügen vermochte, das gerade ist uns ein Zeichen ihrer großen inneren Kraft. Daran aber, daß dem so ist, haben wir Nationale und Zionisten gleichen und gleich starken Anteil. Das ist für uns der schönste Ertrag dieser vielen Jahre jüdischer Bewegung, das ist der schönste Lohn, der uns werden konnte: für die Treue,