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Der Jude · 1927-01-01 · Heft 10-11 · p. 668

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Nationale Ideologien im Judentum der Gegenwart
Date
1927-01-01
Page
668 (sequence 4)
Language
German
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668 Bernard Tag: äußerte, heimlich und intim, wenn man wahlverwandt sich zusammengefunden, und die „den Mantel der Schüchternheit" noch lange abzustreifen sich scheute« Diese Art Menschen vollzogen willig — mit oder ohne förmliche Mitgliedschaft — ihren Anschluß an die allgemeine Bewegung, indem sie sich für den besonderen Bezirk ihrer Gedanken und Gefühle einen eigenen, eigentlich gar nicht einmal ausschließlich eigenen Namen vorbehielten. Fügte es nämlich der Anlaß, daß sie in irgend einem Kreise zu Worte kamen, so sprachen sie lieber von der nationalen als von der zionistischen Bewegung. Blätterte man heute in den ersten und frühesten Einzeldokumenten der jüdischen Bewegung, wie sie uns im zionistischen Zentralorgan, der „Weit", vorliegen, so würde mancher charakteristische Beleg dafür zu finden sein. Was aber will diese Unterscheidung im Grunde besagen? Zunächst nur dieses: daß von Anfang an mit der zionistischen Hauptströmung eine zweite Strömung lief, die nationale, mit jener ersten zur einen Bewegung sich vereinigend, ohne daß freilich im anfänglichen Lauf das Element der zweiten als etwas so Besonderes und besonders Eigenartiges erkannt worden und hervorgetreten wäre. Das sollte aber bald kommen. Heute, wo die Entstehung der jüdischen Bewegung doch schon einigermaßen in historische Perspektive gerückt ist, und wir ihren Verlauf in einem Zeitraum von dreißig, streng gerechnet, von nahezu vierzig Jahren zu überschauen in der Lage sind, — heute haben wir doch schon die Möglichkeit, ihre geschichtliche Linie, aber auch die ihr immanente geistige Entwicklungslinie deutlicher hervortreten zu sehen. Diese gilt es im Auge zu behalten» Seitdem die zionistische Bewegung in der festgefügten Organisation sich kristallisiert hatte, die Theodor Herzl ihr schuf, trägt sie für alle Folge seinen Stempel und sein Gepräge. Es war nun einmal die Rolle, die Theodor Herzl zugefallen war, dem einen Auserwählten unter nicht wenigen Berufenen: dem Zionismus die erste historische Form zu geben. Bedenkt man nur, wo und für wen Herzls Parole ausgerufen wurde, hier im modernen Judentum, und betonterweise für moderne Juden und moderne Menschen, so muß sie, muß sein „Judenstaat" als eine geniale Formel und Abbreviatur der national jüdischen Idee bezeichnet werden: genial in ihrer Einfachheit, Klarheit und Kühnheit. Ihre zunächst verblüffende, dann aber die Gemüter und die Öffentlichkeit sogleich jmd so tief erregende Wirkung erklärt sich aus der zeitgeschichtlichen Disposition und aus der seelischen Stimmung des modernen Juden, oder genauer, jenes Teils des modernen Judentums, dem die Gefühls- und Gedankenart Theodor Herzls nahe gehen konnte. Und so haben wir denn das Erstaunliche erlebt und vermögen es auch heute in voller Stärke noch nachzufühlen, daß eine politische Ideologie, deren Phantastik nur der Wagemut gleichkam, mit dem sie verkündet wurde, ihre Schlagkraft sogleich erproben sollte, indem sie im Sturm und Rausch einer von der jüdischen Nationalidee hingerissenen Jugend zur Schilderhebung des kühnen Träumers führte, und mit der nun elementar einsetzenden Bewegung aus einer abstrakten Ideologie zu einer weithin sichtbaren Tat wurde — der ersten nationalen Tat seit Jahrhunderten in der Geschichte unseres Volkes. Als Herzl am „Judenstaat" arbeitete*) — wie er von sich selbst berichtet — „stehend, gehend, liegend, auf der Gasse, bei Tisch, bei Nacht, wenn es ihn aus dem Schlafe aufjagt", und die Worte niederschrieb: „Wir sind ein Volk, ein *) Das Leben Theodor Herzls von Adolf Friedemann, Berlin 1914 (S. 24).

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