Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Nationale Ideologien im Judentum der Gegenwart
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 670 (sequence 6)
- Language
- German
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670 Bernard Tag: Nationale Ideologien im Judentum der Gegenwart die wir diese Zeit über dem jüdischen Gedanken hielten, ernten wir jetzt seine neue Jugend und die neue Kraft, mit der wir ihn auch in diesen furchtbaren Zeitefn sich entfalten und erhalten sehen. So ist die geschichtliche Wirksamkeit der jüdischen Bewegung und des jüdischen Gedankens — wir erfahren es täglich an uns und an anderen — zu einem Stück geschichtlicher Macht geworden: in uns und mit uns im Judentum der Gegenwart. Baden bei Wien Bernard Tag (Schluß folgt.) ZUR GESCHICHTE DER „ZIONSLIEBE"*> IL Doktor Hajim Lorje Er wohnte in Frankfurt an der Oder und war Doktor der Philosophie; mit beträchtlicher Gelehrsamkeit vereinte er in sich Gesetzestreue und war überdies höchst abergläubisch und mystisch veranlagt. Stolz pflegte er bei jeder Gelegenheit zu erzählen, sein Geschlecht stamme vom heiligen Rabbi Jizchak Lurja, dem Schöpfer der neueren kabbalistischen „Geheimlehre". Alle Briefe, wie auch die Aufrufe und Bekanntmachungen, die er ab und zu in Angelegenheiten der Besiedelung Palästinas veröffentlichte, unterschrieb er regelmäßig im alten hebräischen Stil: „der kleine, unbedeutende Mann vom Stamme des Rabbi J. Lürja". Zum Palästinagedanken kam er erst als bejahrter Mann, und zwar auf einem wunderlichen Wege. Durch verschiedene kabbalistische Buchstabenzahlen-Aufstellungen errechnete er, der Messias müsse Ende der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts kommen, so daß spätestens bis 1860 alle Juden bereits in Erez Israel sein würden. Als er eines Tages, 1844, einem Juden begegnete, der soeben aus Jerusalem gekommen war, frug er ihn, wie man sich dort den Messianismus vorstelle und ob die palästinensischen Juden Überlieferungen darüber hätten, auf welche Weise die kommende Erlösung stattfinden werde. Darauf antwortete der Jerusalemer folgendermaßen: „In Erez Israel sind alle überzeugt: es werden zuerst in einigen europäischen Ländern große Unruhen ausbrechen, sodann werden die Könige jener Länder den Juden Gleichberechtigung gewähren mitsamt der Erlaubnis, den Tempel wieder aufzubauen und dort Opfer darzubringen; danach erst kommt der Messias." Auf Lorje machte diese Antwort einen tiefen Eindruck, sonderlich als er die Sache im Achtzehngebet zu Rosch-haschana bestätigt fand. Als in Deutschland die Freiheitsbewegung von 1848 begann, war bei Lorje kein Zweifel mehr, das sei nun der Anbruch der Erlösung und der Messiaszeit. Jetzt kam es seiner Meinung nach nur darauf an, wie schnell die jüdische Emanzipation verwirklicht würde. Der Tag, an dem Gabriel Riesser ins Frankfurter Parlament kam-, war für Lorje ein wahrhafter Festtag. Er soll auch an Riesser Briefe gerichtet haben mit der Bitte, mit aller Energie für die jüdische Gleichberechtigung zu kämpfen, um dadurch die Erlösung herbeizuführen. Als aber die sechziger Jahre näher rückten, ohne daß man vom Kommen des Messias eine Spur bemerkte, sank der Mut Lorjes und er begann nachzudenken, ob er sich vielleicht in der Be- *) Vgl. Heft 5/6, S. 347 ff-