Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Die Chassidim als politische Partei
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 663 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Chassidim als politische Partei 663 tatlos. Nur wenig ist in den jüdischen Geschichtsbüchern über diese Synode zu lesen;v die modernen Schreiber der jüdischen Geschichte, insbesondere die Vertreter der Haskala haben sie totgeschwiegen, und doch war sie das letzte Aufflackern eines großen Geistes, des Geistes der noch vereinigten jüdischen Ifrömmigkeit. Schon dieser Versuch bewirkte, daß die politische Leitung des galizischen Chassidismus in Nordgalizien verblieb und das Spezialgebiet der Rebbes von Beiz durch Jahrzehnte bildete; der Rebbe unterstützte immer die konservativen polnischen Elemente, und diese bewirkten eine Verlängerung des gesetzlichen Provisoriums, eine Organisationsänderung im Musterstatut für die jüdischen Gemeinden in Galizien, einen Widerstand gegen eine allgemeine österreichische Judenorganisation, in welcher die chassidische Minorität überstimmt worden wäre, und viele andere Dinge, die alle darauf hinausliefen, das Alte im Judentume zu schützen und dem Neuen zu wehren. Als die moderne Zeit ihren Lauf nahm und die Leitung nicht mehr ganz bei den extremen Vertretern der chassidischen Richtung in Beiz verbleiben konnte, übernahm der Rebbe von Czortkow stillschweigend die Führung, indem er eine Organisation unter dem Namen „Agudath Hacheredim" anstrebte, in der dem modernen Konkurrenzkampf Rechnung getragen werden sollte durch Verbindung von praktischer Arbeit mit der Frömmigkeit; der Versuch scheiterte an dem passiven Widerstand der anderen Rebbes, scheiterte infolge der Neuerung, die er enthielt und in die chassidische Welt einführen wollte. Auch dieser wenn auch mißglückte Versuch genügte, um wieder diesem Rebbe ein politisches Ansehen und dadurch auch die Führung zu bringen, die nunmehr im Südosten Galiziens verblieb. Als die Orthodoxen an die Gründung ihrer Weltorganisation unter dem Namen „Agudath Jissroel" gingen, war es ihr erstes Streben, die Rebbes und durch diese die Chassidim zu gewinnen; der Rebbe von Czortkow und der ganze Kreis seiner Verwandten und Befreundeten unterschrieben den Aufruf und nahmen an der Sache tätigen Anteil. Der Krieg schwächte die Tätigkeit dieser Organisation, aber der Rebbe von Czortkow versuchte selbst als Flüchtling in Wien eine jüdische Großpartei zu gründen, und der Vertreter der Assimilation Dr. von Löwenstein und der Vertreter der Zionisten Adolf Stand erschienen zugleich auf seinen Ruf: was ganz ausgeschlossen gewesen wäre, wenn beide Parteien nicht das Bewußtsein der großen politischen Macht des Chassidismus gehabt hätten. Im großen Rußland konnte die Bedeutung der Rebbes nicht so stark wie tn Galizien zum Ausdruck kommen; dort stand ihnen auch das orthodox organisierte Litauen, das noch der Gaon von Wilna zum Bollwerk gegen alles Chassidische organisiert hatte, hindernd im Wege; aber fast jede Rabbinerkonferenz in Petersburg sah einen Vertreter oder den Rebbe von Libawitz in höchst eigener Person mit an den jüdischen Fragen arbeiten, und die übrigen Mitglieder mußten wohl °der übel mit ihm rechnen. In Russisch-Polen, oder wie es jetzt bezeichnet wird, in Polen, war der Einfluß der Rebbes von Ger und Aleksandrie sehr groß; nur konnten diese unter ^n früheren Verhältnissen nichts leisten; sie hatten Arbeit genug, ihre nach v*elen Zehntausenden von Chassidim zählenden Anhänger zusammenzuhalten, und auch sie erreichten bei den Generalgouverneuren in Warschau immer, was sie erstrebten, wenn dies auch immerhin sich in Geringfügigkeiten erging. Als nun aber ein modernes Leben im okkupierten Polen sich zu entwickeln begann, da fand man sie sofort an der Arbeit; bei der großen orthodoxen Versammlung 111 Warschau, die die frommen Juden organisieren sollte, führte der Rebbe von