Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Die Chassidim als politische Partei
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 662 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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662 Mordche Wolf Rapaport: mus nicht zusammenhängt, ist ihnen gleichgültig und überflüssig; und auf dem Gebiete des Chassidismus kann ihnen doch der Nationalismus nichts bringen und nichts bieten. Zudem betrachten sie die Erfüllung dieser Ideale als eine Utopie, Am entferntesten stehen die Chassidim als Partei zu den Zionisten. Palästina im zionistisch-politischen Sinn ist den Chassidim kein Ideal; dagegen ist es eine Neuerung, eine Ablenkung von der herrschenden Gegenwart; ebenso ist das Hebräische kein chassidisches Ideal, die mystische Sprache des Sohar ist mehr aramäisch und die chassidischen Kenntnisse gehen einen anderen Weg, Auch die Persönlichkeit der zionistischen Führer bildet keinen besonderen Anreiz für die Chassidim, sie sehen in ihnen Menschen, die den Assimilanten wie ein Wassertropfen dem anderen gleichen; die Betonung des Jüdischen in deren geistigen Thesen ist wohl der einzige Berührungspunkt zwischen diesen beiden Parteien. Charakteristisch ist es, daß die Zionistenkongresse wohl Rabbinen als Vertreter der Orthodoxie, aber niemals einen offiziellen Vertreter auch nur einer chassidischen Richtung gesehen haben. Dagegen ist den Chassidim dieErfüllungdes zionistischen Ideals keine Utopie; ihr mystisches Denken macht ihnen die Erfüllung wahrscheinlich. Ohne Rücksicht auf diese nationalistischen und zionistischen Ideale und noch vor deren Entstehung haben die Chassidim ihre Tätigkeit als politische Partei zu entwickeln begonnen, sobald eine konstitutionelle Ära solches von ihnen erheischte; denn im Gegensatz zu den anderen Parteien mochte die absolutistische Ära des Staates bei ihnen keine Tätigkeit entwickeln: hatte diese doch ihrem eignen Zwang entsprechend ebenfalls mit eiserner Faust das Alte und Hergebrachte beschützt; der Notstand und das Elend der Juden wieder war eine allzu alte Tatsache, als daß der Chassidismus mit dessen Linderung sich abgegeben hätte. Bekanntlich ist der Chassidismus eine vornehmlich polnische Erscheinung und zwar „poln'sch" in dem Sinne von Großpolen vor allen Teilungen dieses ehemaligen Reiches, das von der Nordsee bis zum Schwarzen Meere gereicht hatte. Für die Gebiete dieses Territoriums mit größerer jüdischer Bevölkerung kam zuerst ein konstitutionelles Leben in Österreich zum Ausdruck; dieses begann erst dann die chassidischen Kräfte in Bewegung zu setzen, als der Reichsrat sich mit den jüdischen Verhältnissen zu beschäftigen anschickte, was durch das Gesetz vom Jahre 1880 erstmalig geschehen ist. Dort wurde eine allgemeine Bildung für den Rabbiner gefordert und auch sonst das jüdische Leben modernisiert, ganz gegen den Willen der Chassidim. Der Einfluß des Rebbe von Beiz bewirkte, daß in diesem Gesetz für die orthodoxen, somit auch für die chassidischen Rabbinen eine zehnjährige Übergangszeit fixiert wurde. Aber auch das konnte dem Chassidismus nicht Genüge tun, denn diese Neuerung bedrohte die Grundfaser seiner Existenz. Es berief daher der Rebbe von Beiz eine Rabbinersynode nach Lemberg, alle sollten sie kommen, Rebbes, Rabbiner und Gemeindevorsteher. Und sie kamen alle, alle; kleine gebrochene Jammergestalten jüdischen Elends und jüdischer Demut, gekrümmt vom vielen Lernen, aber auch vom vielen Sich- Beugen vor allen Obrigkeitspersonen — vom Nachtwächter aufwärts; sie kamen alle, getrieben von dem eisernen Willen, der von der Gestalt des großen Rebbe von Beiz ausging. Sein Ehrgeiz war aber viel zu groß. Noch lebte damals eine große orthodoxe Schicht, die in den alten jüdischen Werken ihre unverrückbare Basis hatte; er wollte diese unterdrücken, und seine Helfer, die oben erwähnten Hilfsfiguren, wollten die damaligen Führer der Orthodoxie, die Rabbinen Ettinger, Orenstein und Schmelkes aus dem engeren Komitee en> fernen; der Zusammenstoß kam und die Synode endigte resul-