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Der Jude · 1927-01-01 · Heft 10-11 · p. 664

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Die Chassidim als politische Partei
Date
1927-01-01
Page
664 (sequence 10)
Language
German
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IRI
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664 Mordche Wolf Rapaport: Die Chassidim als politische Partei Ger das große Wort, und wie am Berge Sinai antworteten die Chassidim auf die Frage, was sie wollten, mit der Antwort, sie würden „tun und hören" — was die Rebbes gutheißen würden. Die Organisation ist begründet worden, und schon erscheint eine Tageszeitung „Das jüdische Wort" auch im Dienste der Ziele der chassidischen Partei. Es heißt zwar, sie sei das Organ der Orthodoxie; allein eine von den Chassidim losgelöste größere fromme jüdische Masse gibt es in Polen nicht, in Polen fallen die Kreise der Chassidim und der Orthodoxie nahezu zusammen. So steht die chassidische Partei jetzt in der Zeit des Weltkrieges besser organisiert als je zuvor da, wobei noch die Flucht der zahlreichen Rebbes aus ihren Heimatsorten den persönlichen Gegensatz zwischen den Rebbes bedeutend geschwächt hat, und vielleicht wird es eine Frücht des Krieges sein, daß sich die Führung dieser Partei in den einzelnen Ländern in bestimmten Händen festlegen wird, ^wodurch sie dann auch auf Erfolge, Erfolge in ihrem Sinne und nach ihrer Auffassung, wird hinweisen können. Das Streben der Chassidim ist, die Religion und die jüdische Mystik nicht nur gegen ihre nichtjüdische, sondern auch gegen ihre jüdische Umgebung zu sichern, und in letzter Beziehung machen sie zwischen Assimilanten und Nationalisten oder Zionisten keine Unterschiede; die letzteren werden wahrlich von ihnen nicht begünstigt. Dr. Bodenheimer sagt: „Wenn die Orthodoxie Politik treibt, läuft sie Gefahr, auf Grund von Versprechungen der Duldung religiöser Gebräuche und überkommener Einrichtungen politische Rechte preiszugeben, die sie durch die Macht ihrer Massen erringen könnte und die ihr allein die Sicherheit gewährten, daß solche Toleranzversprechen hoher Herren auch gehalten werden." Das ist auch richtig, aber nur vom Standpunkt der zionistisch-nationalistischen Auffassung, daß vor Allem der Feind außerhalb der Judenkreise zu bekämpfen sei; die chassidische Partei hat aber nach ihrer eigenen Auffassung, — und nur diese ist für die Chassidim maßgebend, — gegen Gegner innerhalb des Judentums selbst sich zu sichern und sie zieht oft die Sicherung ihrer eigenen Partei gegen die anderen Juden der Sicherung des Weltjudentums im allgemeinen vor. Rheinfelden Bad Mordche Wolf Rapaport Nachbemerkung des Herausgebers Der vorstehende Aufsatz gibt ein Bild des tiefen Niedergangs der chassidischen Bewegung, wie er sich in ihrem politischen Verhalten: in ihrem grundsätzlichen Opportunismus deutlich kundgibt. Jeder Rückschluss jedoch auf das ursprüngliche und eigentliche Wesen des Chassidismus und die ihm innewohnenden Kräfte wäre verfehlt. In seiner Blütezeit bildeten für ihn jüdische Religiosität und jüdische Nationalität noch eine ungeschiedene Einheit, und er war palästinozentrisch, weil er urwüchsig messianistisch war. Aber es gibt auch heute wieder mitten in ihm Kreise junger Menschen, in denen sich Neues zu regen beginnt, das doch nichts anderes als jenes Alte ist, und ich werde nicht müde werden, Moses Hess* bedeutsames Wort zu wiederholen, die Folgen des Chassidismus seien unberechenbar, wenn die nationale Bewegung sich seiner bemächtigt.

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