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Der Jude · 1927-01-01 · Heft 10-11 · p. 661

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Die Chassidim als politische Partei
Date
1927-01-01
Page
661 (sequence 7)
Language
German
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Die Chassidim als politische Partei 661 Eremiten gleichen; insbesondere imponiert denNichtjuden die Leichtigkeit, mit welcher der Rebbe den einzelnen Juden leitet, dem der Nichtjude zuweilen trotz der Gerichte und aller anderen Behörden machtlos gegenübersteht; was müssen das für Leute, diese Rebbes, sein, wenn sie sogar Juden in allen Verhältnissen zu meistern verstehen. III. Dieser Stand des gegenwärtigen Chassidismus hat auch ein politisches Parteiprogramm geschaffen, mit dem er innerhalb der modernen Ära sich am allgemeinen Parteileben beteiligt und auch gewisse Erfolge, im Sinne ihrer Auffassung, zu verzeichnet hat; Ereignisse die nebeneinander gestellt fast eine Geschichte des Chassidismus, als einer konstitutionellen politischen Partei, ergeben mögen. Im Gegensatz zur Orthodoxie, die in den alten Werken des Judentums ein bestimmtes, fest umrissenes Ziel vor Augen hat, besitzt der Chassidismus als solcher kein positives, praktisches Ziel; dagegen hat diese Partei ein negatives Ziel: das Alte nicht zu stören, .und dem Neuartigen, insbesondere dem plötzlich hereinbrechenden Neuen, Widerstand zu leisten. Der Chassidismus ist eine konservative Partei kat exochen: sie verteidigt nicht nur das Alte, weil es alt ist, sondern sie verteidigt auch das Neuere, wenn es sich einmal im Leben eingebürgert hat und dadurch mit zu einer Gewohnheit des jüdischen Lebens geworden ist. Daraus ergibt sich die Bodenständigkeit des Chassidismus: er will und darf sich nicht vom Orte, vom Flecke rühren, denn die Verschiebung des Ortes beginnt doch Neuerungen mit sich zu bringen und diese müssen vermieden werden. Selbst zu einer Wohnungsänderung sucht der Chassid die Zustimmung seines Rebbe an, und noch mehr zu größeren lokalen Verschiebungen, die auch meistens vom Rebbe abgelehnt werden. Aus diesen Momenten ergeben sich auch die Beziehungen zwischen dem Chassidismus als Partei und den anderen jüdischen Parteien. Am nächsten steht dem Chassidismus die Assimilation. Die alte Assimilation im Sinne einer positiv direkten Umformung der Juden zu den Nichtjuden ähnlichen Menschen hat schon längst abgewirtschaf et; dieses war das Ziel des Haskala, und sie hat einen politischen Bankrott erlitten. Die gegenwärtige Assimilation begnügt sich damit, diejenigen Juden, die dem modernen Leben sich zuzuneigen beginnen, in jene Form zu lenken, die die Wirtsvölker inne haben; oder technisch ausgedrückt, die Assimilation bringt bewußt, positiv keine Neuerung dort, wo diese Neuerung nicht gewünscht wird oder sich aus der normalen Entwicklung der allgemeinen Milieu- und Geschichtsverhältnisse nicht ergibt. Die Assimilation kommt gleichsam durch die Schwerkraft der Ereignisse; sie kommt also so, wie sie dem Chassidismus nicht zuwiderläuft; und wenn sie einmal da ist, dann hat sich auch der Chassidismus mit ihr schon abgefunden, nach der Regel, daß auch der sündige Jude dennoch immer ein Jude bleibt. Außerdem schätzt der Chassidismus an der Assimilation die Bodenständigkeit, das ruhige Sitzenbleiben am Orte, den Frieden mit den nichtjüdischen Mitgliedern der Gesellschaft, das Streben nach Beibehaltung des Lokalen im engeren und im weiteren Sinn. Etwas weiter steht der Chassidismus dem jüdischen Nationalismus, der lrim den Wunsch bedeutet, daß ein jüdischer Staat oder eine jüdische Autonomie in einem Diasporalande mit jiddischer Staatssprache errichtet werden solle; den Wunsch nach der Nationalisierung kann der Chassidismus nicht, zumindest aber nicht für seine Anhänger, die Chassidim, verstehen: ist ihnen doch der ärgste Chassid in jeder Beziehung nationalistischer als der modern nationalistische Jude. Was der Nationalismus an Jüdischem bringt, das mit dem Chassidis-

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