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Der Jude · 1927-01-01 · Heft 10-11 · p. 660

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Die Chassidim als politische Partei
Date
1927-01-01
Page
660 (sequence 6)
Language
German
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66o Mordche Wolf Rapaport: Rebbes auf Grund älterer oder jüngerer Familienzugehörigkeit gemeinsame Interessen zu verfechten streben, und so zu einer gewissen Einigkeit gelangen, die dadurch dokumentiert wird, daß man einem bestimmten, hervorragenden Mitglied einer so erweitert gedachten Dynastie die Führung in parteipolitischen Dingen überläßt. Auch haben sich Interessengemeinschaften bestimmter Gegenden und Distrikte herausgebildet, und auch dort beginnt man die politische Führung bestimmten Rebbes zu überlassen, die dann von den anderen unterstützt werden. Wenn auch in beiden Fällen die übrigen Rebbes sich noch ein Votum reserviert haben, so bilden doch alle zusammen parteitechnisch ein enges Komitee, das über große und wichtige Dinge einheitlich zu entscheiden vermag; dessen Führung jedenfalls viel leichter ist, als die Leitung der nach Zehntausenden zählenden Anhänger. Parteitechnisch hat der Chassidismus viele Vorzüge, die seine Organisierung begünstigen; vor allem die allseitige Anerkennung der absoluten Loyalität der Führer dieser Partei, die in jedem einzelnen Staate der entsprechenden Regierung eine fast blinde Gefolgschaft leisten, so daß deren Anträge und Wünsche in dieser Beziehung keiner Beurteilung und Begutachtung unterzogen zu werden brauchen. Dann das Abseitsstehen der Führer, der eigentlichen Leiter des Ganzen; da der Rebbe nämlich sich niemals in das Getümmel der menschlichen Gesellschaft stürzen darf, muß er Vertreter mit der praktisch-technischen Leitung betrauen; dadurch ist er imstande, seine Anhänger mit Würden auszustatten und sie durch die Belehnung mit diesen Ehrenstellen für ihre Treue nnd Anhänglichkeit an den Chassidismus als geistige Einrichtung wie auch als politische Partei zu belohnen. Schließlich eliminiert der Chassidismus das Nachdenken der Anhänger der Partei über die in Betracht kommenden politischen Fragen; der Einzelne glaubt blindlings, der Rebbe werde das Gute und Richtige in jedem Falle bestimmt treffen, so daß er mit seiner Meinung nicht herauszurücken braucht, ja nicht herausrücken darf; was ungemein zur Parteidisziplin beiträgt. Wenn man bedenkt, wie starrköpfig die Juden auf der eigenen Meinung zu bestehen pflegen, sind sie doch die Nachkommen des biblischen Am ksche-oref, so ersieht man erst die Bedeutung der chassidischen politischen Subordination unter die Meinung des Rebbe, der dann als Dritter zwischen zwei widerstreitenden Meinungen seine Entscheidung trifft, die von allen anerkannt und durchgeführt wird. Außerdem stehen der chassidischen Partei technisch zahllose Hilfsmittel zur Verfügung; in der Regel pflegen nämlich die Chassidim eines jeden Rebbe sich in jedem Orte eigene Organe für die Durchführung der Religion zu bestellen, als: einen Schochet, Bodek, Neman, Dajan, Chasan oder sonst ein besonderes eigenes chassidisches Aufsichtsorgan; diese, die lokalen Verhältnisse von Grund aus kennenden Personen sind dann die berufenen Agitatoren in jeder Sache, die die Chassidim als politische Partei zur Durchführung bringen wollen. In Betracht kommt aber auch das Verhalten der nichtjüdischen Bevölkerung zu den Rebbes; während die Nichtjuden nämlich Ziele und Handlungen der Intelligenz, und der aus derselben hervorgegangenen Parteien, der Assimilanten und der Nationalisten und Zionisten, zu beurteilen vermögen, während sie den Vertretern der Orthodoxie infolge der ewigen Vor- und Anwürfe der Antisemiten zuweilen mit Mißtrauen zu begegnen pflegen, stehen sie den Rebbes gegenüber vor einem Rätsel, das ihnen Scheu und Ehrfurcht einflößt. Sie fürchten den Fluch dieser heiligen Männer, sie wünschen und sehen gerne den Segen der Rebbes, die in ihrem Äußeren so sehr den von der christlichen Welt hochgeschätzten

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