Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Die Chassidim als politische Partei
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 659 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Chassidim als politische Partei 659 wenn er sie wenig oder gar nicht kennt; das gilt praktisch, wenn auch theoretisch der Chassid sehr viel von der chassidischen Mystik wissen, noch mehr die orthodoxe Frömmigkeit beobachten, und gar viel vom jüdischen, talmudischen und rabbinischen Wissen beherrschen soll. Der Chassid soll alles in sich zum großen Teile vereinigen, aber dieses alles zusammen und auch jeder Teil besonders sind keine absoluten Erfordernisse für seine Legimitierung als Chassid; der Rebbe dagegen muß unbedingt zweierlei zumindest besitzen: chassidisches Wiss n und orthodoxe Frömmigkeit; dagegen ist talmudisches und rabbinisches Können auch für ihn keine Kardinalbedingung. Da aber im Sinne aller hier besprochenen Voraussetzungen eine Überprüfung der Kenntnisse des Rebbe ausgeschlossen ist, so wird tatsächlich von ihm nur große Frömmigkeit als unerläßliche Bedingung verlangt; wobei auch in dieser letzteren Beziehung der in diesen Dingen ganz unwissende Chassid wieder als Beurteiler der Frömmigkeit seines eigenen Rebbe auftreten müßte. Vom Standpunkt der strengen jüdischen Orthodoxie sind de facto in dieser Beziehung, in Sachen der Frömmigkeit des Rebbe selbst, noch verschiedene Vorbehalte zuweilen zu machen; soz. B. wegen der Zeit und der Art des Betens usw.; allein diese können niemals praktisch definiert und dargelegt werden. Eins aber wird für diese Frömmigkeit des Rebbe dennoch von allen vorausgesetzt: daß er in Abgeschlossenheit und Gesondertheit lebe und in die Dinge dieser Welt praktisch sich wenig menge, denn die praktische weltliche Betätigung muß der Frömmigkeit, auch jener des Rebbe, schädlich sein. Aus diesem Grunde kann aber auch der Rebbe seinen politischen Einfluß niemals persönlich und direkt ausüben, weil er doch in die weltliche Gesellschaft dieser Kreise nicht kommen darf; so daß in der Orthodoxie des Rebbe-die Beschränkung für seine persönliche chassidisch-parteimäßige Wirkung gelegen ist. Orthodoxie und Chassidismus decken sich daher bei den jetzigen Verhältnissen ganz und gar nicht, aber auch dem Charakter und dem Wesen nach sind diese beiden Erscheinungen voneinander strenge zu unterscheiden, indem die Folgerungen und Folgen aus beiden sowohl für den Einzelnen wie auch für die Gesamtheit ganz verschiedenartig sind. Der charakteristische Unterschied zwischen Orthodoxie und Chassidismus ist wohl der, daß die Orthodoxie starr am geschriebenen Buchstaben festhält, während der Chassidismus frei nach den Worten eines lebendigen Menschen, des Rebbe, sich in jeder Beziehung und nach jeder Richtung hin fort zu entwickeln vermag: Die Ziele und Wege der Orthodoxie sind festgelegt und für jedermann bei einiger Mühe aus Büchern und Werken genau festzustellen und zu übersehen; die Ziele und Wege des Chassidismus aber sind unübersehbar, und was die Hauptsache ist, im vorhinein ganz unberechenbar, so daß die Chassidim als Partei sich oft zu etwas entschließen, was früher niemand vorausgesagt haben könnte; indem sie sich für berechtigt halten, im Namen eines von ihnen in ihrem Sinne konstruierten „Kiddusch-Haschem" über verschiedene Gebote der Orthodoxie sich zeitweilig hinwegzusetzen. Und eben das letztere kann auch die Stärke der Chassidim als Partei für die Zukunft begründen, indem bei einem außerordentlichen Falle diese zuweilen durch Änderung der Ziele oder auch nur durch Änderung der Zielrichtung Aktionen ins Leben rufen und parteipolitische Bündnisse schließen können, die alle überraschen* Es herrscht jetzt auch noch der alte Fehler im Chassidismus vor, daß die einzelnen Rebbes untereinander fast immer im Streitzustande sich befinden; denn Kriegszustand kann man diese Verhältnisse doch nicht gut nennen. Aber auch dies beginnt letzthin sich zu vermindern und zwar dadurch, daß die einzelnen