Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Die Chassidim als politische Partei
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 658 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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658 Mordche Wolf Rapaport: die der Orthodoxie in der chassidischen Parteiorganisation: der moderne Chassid ist zweifellos weniger fromm als der frühere, als jener vor einigen Jahrzehnten. Allein die chassidische Organisation hat dadurch nur wenig gelitten, sie ist dieselbe geblieben und hält den jetzt weniger frommen Chassid gerade so fest, wie dazumal den frommen und den frömmsten. Man kann sogar sagen, daß der Chassidismus teilweise an Umfang gewonnen hat, indem jene Menschen der modernen Zeit, die die Religion und die Religiosität nicht verstehen können, die aber weder Bildung noch Gefühl für rein moderne Bestrebungen besitzen, sich ihm anschließen, und sich ihm um so eher und leichter anschließen können, als er jetzt fast schon gar keine Aufnahmebedingungen, keine Kriterien aufstellt und jedermann sich in die Brust werfen und behaupten kann, er sei ein Chassid. Auch wirkt hier noch der Umstand mit, daß man gern einen anderen für sich beten und sich kasteien lassen möchte, und so die religiöse Gnade zu erreichen hofft, ohne sich selbst große Schwierigkeiten aufzuerlegen; dies führt dazu, daß der eine oder der andere sich einem Rebbe anschließt, pekuniäre oder andere leichte Opfer ihm bringt, und dadurch glaubt, religiöse Vorteile sich verschaffen zu können. - In erster Reihe sind es wohl finanzielle Opfer, die man dem Rebbe darbringt, und es ist gar keine Seltenheit, einen reichen Chassid mit seiner Frau im Schnellzug erster Klasse zum Rebbe kommen zu sehen; der Mann legt seinen Frack ab, den er am Tag vorher im Theater oder auf einem Ball getragen hatte, ebenso sie ihre Ballrobe; er zieht den langen Rock, sie das seidene Tuch über dem Kopf an, wie es vorschriftsmäßig die frommen Chassidim tun sollen; sie tragen beide ihre Gaben zusammen mit ihren Wunschzetteln ins Zimmer des Rebbe und verlassen es dann freudestrahlend, um sich mit dem nächsten Zuge wieder ins moderne Leben zu stürzen. Man kann beim Rebbe alle Kreise antreffen, auch die Vertreter der Intelligenz, hauptsächlich aber Frauen aller Schichten und Stände. In zweiter Reihe, und dies ist für diese Abhandlung das Wichtigere, kommt dann noch, daß auch diese Chassidim ihren politischen Einfluß den Rebbes zur Verfügung stellen, daß sie sich von den Rebbes bei Wahlen u. dgl. leiten lassen, indem sie von der Voraussetzung ausgehen, daß das soziale Leben ein Teil des religiösen Lebens und mit diesem dem Rebbe unterzuordnen sei. Der Rebbe gelangt so zu einer politischen Bedeutung, denn er verfügt über einen Einfluß, den er also mittelbar ausübt; dadurch gelangt er aber wieder bei seinen übrigen Chassidim zu noch größerem Ansehen und vereinigt sie um so mehr noch um sich zu einer politischen Einheit. Diese Einheit ist um so stärker, weil sie nach keinen Zusammengehörigkeitsgründen sucht und blind alles einer einzigen Person, dem Rebbe, überläßt. Wenn der Rebbe noch dazu, auf Grund der ersten Momente, auch über bedeutende Geldmittel verfügt, dann vereinigt sich alles, um ihn zu einer politischen Persönlichkeit, zum Mittelpunkt eines parteimäßigen Kreises zu machen. Die Zweiteilung innerhalb des Chassidismus, die bereits hervorgehobene Unterscheidung zwischen den Rebbes und den Chassidim, hat es dazu gebracht, daß auch die religiöse Seite des Chassidismus diese in großen Zügen durchgemacht hat, indem nämlich die strenge Frömmigkeit der Orthodoxie dem Rebbe zugeschoben wird, deren leichtere Praktizierung aber für die Chassidim beansprucht wird; der Rebbe muß außer seinen chassidischen Tendenzen auch allen Anforderungen der strengen Frömmigkeit Genüge leisten, der Chassid aber braucht jetzt von den Grundsätzen der Orthodoxie nicht mehr als von den chassidischen Theorien zu wissen. Das heißt, er muß nicht beide kennen, er kann Chassid sein, auch