Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Die Chassidim als politische Partei
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 657 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Chassidim als politische Partei 657 Der Fehler der Richtung lag nur darin, daß die ganze Theorie sich sehr subjektiv persönlich entwickelt hatte; daß es die Persönlichkeit eines Menschen war, die jeweilig das Gebäude des Chassidismus, oder jene der einzelnen Strömungen in ihm trug, und daß für die Kontinuität nach dem Tode dieser Personen keine Vorsorge getroffen wurde; denn das Prinzip der Vererblichkeit des Rebbewesens innerhalb der Dynastie des Rebbe war anfangs noch nicht formuliert und noch gar nicht durchgeführt. Der Tod eines Rebbe war daher immer für seine Anhänger eine Katastrophe, da die Parteidisziplin durch Auflassen der alten Zusammengehörigkeitsbande gelockert wurde, wodurch jeder einzelne Chassid wieder frei wurde und über seine chassidische Zuständigkeit wieder selbständig entscheiden konnte. Die parteimäßige Erziehung, wie man es heißen könnte, war daher eine sehr lose; war es doch fast einem jeden Chassid in seinem Leben ein oder mehrere Male gegeben, selbständig über das Höchste und Wichtigste seines Lebensinhalts zu entscheiden, d. h. einem neuen Rebbe sich zuzugesellen. Diese freie Wahl brachte es aber auch mit sich, daß in jedem solchen Fall, bei dem Tode des alten Rebbe, immer mehrere Bewerber um dessen Stellung auftraten; der einzelne Mann aus dem Volke war dann außerstande, in solchen Dingen sich selbst einen richtigen Bescheid zu verschaffen; gaffend stand er bei einem solchen Ereignisse und der blinde Zufall war es, der ihn in die Arme des einen oder anderen Kandidaten trieb. Die weitere Folge dieses Umstandes war, daß aus dem engen parteimäßigen Kreise des einen Rebbes mehrere Kreise seiner Nachfolger wurden; oder parteitechnisch ausgedrückt, daß eine größere Partei in kleine Parteisplitter zerfiel. Am Ende mußte noch immer das kommen, was* bei einer Pluralität immer kommt, eine Rivalität der neuen Parteisplitter untereinander, die dann den alten Zusammenschluß fast für immer vernichtet, und daher auch die Erfolge der alten größeren Partei aufhebt. Der Chassidismus drohte an dieser auf die Persönlichkeit eingestellten Hochschätzung und Wertung der Theorie zugrunde zu gehen, da ihm die starke und stramme Organisation der katholischen Kirche fehlte, die bei ähnlichen Verhältnissen über die momentanen Schwierigkeiten des Todes eines geistlichen Hauptes hinweghilft. Vor dem Untergange rettete ihn die neue Lehre von der Erblichkeit der Rebbewürde, die auf den erstgebornen oder auf den ältesten der Söhne übergeht und also die freie Wahl des Chassid bei dem Tode eines Rebbes aufgehoben ist. Allein dieses Prinzip ist noch nicht absolut vorherrschend, und die Schwäche der parteimäßigen Organisation des Chassidismus liegt in erster Reihe in diesem Umstände; mehr aber noch darin, daß der Mangel dieses Grundsatzes in den früheren Zeiten die Entstehung einer Unzahl von kleinen und kleinsten Rebbes und die späte Einführung der Erblichkeit die Entstehung von mehreren größeren Rebbe- Dynastien ermöglicht hatte. Die Schwäche des Chassidismus als Partei des Judentums liegt keineswegs in seinem religiösen Charakter, sondern in der Zersplitterung in zahllose Untergruppen durch die einzelnen Rebbes, die das starke Band der chassidischen Parteidisziplin dazu benützen, um sich gegen diese starken Unterströmungen zu wehren und gegen sie zu kämpfen und nicht, um aus den verschiedenen Unterabteilungen des Chassidismus eine große einheitliche Partei zu gründen: auch dort hat das Individualinteresse das große soziale Parteiinteresse geschwächt und untergraben* II. An diese Geschichte des parteimäßigen Chassidismus schließt sich sein gegenwärtiger Stand an* Die Bande der Orthodoxie haben sich gelockert, so auch