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Der Jude · 1927-01-01 · Heft 10-11 · p. 656

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Die Chassidim als politische Partei
Date
1927-01-01
Page
656 (sequence 2)
Language
German
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656 Mordche Wolf Rapaport: weiter in der jüdischen Gemeinschaft als vollwertiges Mitglied verblieb, bestimmte auch die Führer des Chassidismus dazu, neben den Meistern des ersten Grades, sozusagen als Laien des zweiten Grades Menschen zuzulassen und sie als vollwertige Mitglieder der chassidischen Gemeinschaft anzuerkennen, die in der chassidischen Theorie und Praxis sich wenig oder auch gar nicht auskannten. So entstanden die zwei Klassen innerhalb des Chassidismus: die derRebbes und die andere der Chassidim; den ersteren wurde das * ganze Schwergewicht jener Theorien und der Praxis übergeben, daß sie diese tragen und weiter entwickeln sollten, den anderen aber wurde das Parteimäßige sehr leicht gemacht, indem man von ihnen nur verlangte, Satelliten der Sonne zu sein. Diese Leichtigkeit, einen Titel, jenen des Chassid, sich zu erwerben, ohne größere Leistungen und Mühen, führte mit soziologischer Konsequenz dazu, daß sich die Reihen der Chassidim mit großer Schnelligkeit vermehrten, und sie hätten fast das ganze polnische Judentum mit sich fortgerissen, wenn nicht in Litauen ihnen in dem Gaon von Wilna ein unerbittlicher Gegner erstanden wäre. Auch die damaligen Verhältnisse begünstigten eine Bewegung dieser Art. Es herrschte damals in Polen bei einer relativen Armut auch eine leichte Erwerbsmöglichkeit des Lebensnotwendigen, insbesondere für jene minimalen Anforderungen, die die Juden an das Leben stellten, so daß die materielle Existenzfrage ihnen kein Kopfzerbrechen verursachte und diese als untergeordnete Sache ganz den Frauen überlassen werden konnte und auch überlassen wurde. Die Männer dagegen beschäftigten sich mit etwas Höherem, mit dem Ideal, mit dem Geistigen, und alle Probleme solcher Art konnten auf eine eifrige Beteiligung rechnen. Als dann gar die Kosakenbewegung unter Chmielnicki mit ihrer unsäglichen Pein gegen die Juden einsetzte, aber die alten ökonomischen Verhältnisse niqht zu erschüttern vermochte, peitschte sie die geistigen Bestrebungen dieser Juden bis zur Exaltation an und machte sie zur Aufnahme geistiger Neuerungen fähig und bereit. Die Orthodoxie aber war an einem Punkte angelangt, wo dem Volke, den Massen keine breitere Betätigung eingeräumt wurde und im Sinne der Orthodoxie auch nicht eingeräumt werden konnte. Jedermann konnte, sollte und mußte eigentlich fromm sein; allein diese Frömmigkeit betraf nur ihn, seine Person, seine nächste Familie. Wenn der Einzelne fromm war, so tat er damit nur seine Pflicht: ein besonderes Lob, einen besonderen Titel brachte ihm dieses nicht ein. Das einzige Mittel, sich auszuzeichnen, war das Lernen der heiligen Bücher und das Sich vertiefen in sie; allein in jener Zeit besaßen die Männer, die an der Spitze des Judentums standen, ein so tiefes Wissen auf diesem Gebiete, daß es dem Durchschnittsmenschen ganz unmöglich war, auch bei der größten und angestrengtesten Arbeit es jemals mit ihnen aufnehmen zu können, d. h. positiv im Sinne der orthodoxen Auffassung etwas für das Judentum zu leisten. Der Durst des Volkes, sich zu betätigen, erweckte in ihm das Bestreben, selbst zu wirken, in den Massen einen Faktor für die Wertschöpfungen im Judentum heranzubilden. Der Widerstand der Orthodoxie gegen den Chassidismus bewirkte das parteimäßige Zusammenschließen der chassidischen Gruppen, wodurch sie den Rückhalt gewannen, den sie brauchten, um innerhalb des Judentums zu verbleiben, um nicht wie Sabbatai Zwi und Jakob Frank aus dem Judentum ausgeschlossen zu werden und das Los jener jüdischen Sekten zu teilen, die, mit dem Anathema belegt, sang- und klanglos zugrunde gingen.

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