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Der Jude · 1927-01-01 · Heft 10-11 · p. 655

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Die Chassidim als politische Partei
Date
1927-01-01
Page
655 (sequence 1)
Language
German
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Mordche Wolf Rapaport: Die Chassidim als politische Partei 655 DIE CHASSIDIM ALS POLITISCHE PARTEI Für jeden Kenner dieser Bewegungen, der Orthodoxie und des Chassidismus, ist es ersichtlich, daß sie nicht zu den politischen Parteien gerechnet werden können. Es sind rein religiöse Vereinigungen, die immer scheitern müssen, wenn sie, wie dies manchmal leider geschieht, sich in das politische Parteileben einmischen". So Dr. Bodenheimer im Dezemberheft 1916 der Zeitschrift „Der Jude". Die Logik dieser These ist aber jener des Korans zu vergleichen, die beiläufig besagt: Gott hat Mohammed zu seinem Propheten erwählt; Gott hat die Berge, die Sterne, den Himmel und alles andere erschaffen. Könnet ihr bezweifeln, daß diese Schönheit des Himmels, der Berge und der gesamten Welt von jemand anderem als von Gott kommt? Ebenso wenig könnet ihr bezweifeln, daß Mohammed der Prophet Gottes ist. I. Die Chassidim sind eine politische Partei; sie waren es vom Moment ihres praktischen Auftretens in der jüdischen Geschichte und sind es heute noch weit mehr. Chassidismus und Orthodoxie sind zweierlei, zwei Begriffe, die voneinander stark differieren. Orthodoxie ist ein allgemeiner Begriff; Chassidismus ein Spezialbegriff. Oder mit anderen Worten ausgedrückt; der Chassidismus ist ein Begriff, der innerhalb der Orthodoxie zu einer Parteigruppierung geführt hat. Religiöspraktisch steht der Chassidismus ganz auf dem Boden der Orthodoxie; auch nicht einer all jener zahlreichen Rebbes aller chassidischen Systeme hat es gewagt, auch nur ein minimales Gebot der Orthodoxie direkt aufzuheben. Die modernen Publikationen über den Chassidismus und aus dem chassidischen Leben heben in erster Reihe das Eigenartige dieser Richtung hervor, das relativ Neuartige, das sie von dem Anderen abhebt; sie setzen aber voraus, daß es jedermann bekannt ist, daß der Hintergrund der chassidischen Richtung immer die Orthodoxie gewesen ist und derzeit auch noch ist. Die Geschichte, insbesondere die Entstehungsgeschichte des Chassidismus ist nur auf diese Weise zu erklären. Denn er hatte doch seine Vorläufer im Judentum, seine Ahnen gleichsam, die ihm den Boden geebnet hatten; sein nächster Vorläufer war die Kabbala und sein älterer Ahne war die talmudische Mystik, und zwar jene, die nicht nur auf die Tanaiten, sondern auch auf Rabbi Ismael Kohen Gadol, also in die Ära der jüdischen Selbständigkeit zurückgreift. Der Unterschied zwischen jenen Theorien der ihm vorangehenden Zeiten und dem Chassidismus besteht darin, daß die ersteren Theorien waren und Theorieh blieben, während der Chassidismus aus der Welt der Theorie heraustrat, um auch im Leben etwas Positives zu leisten. Der Chassidismus stellt eine Verbreiterung der Kabbala dar; während die Alten unermeßliche Schwierigkeiten einem jeden in den Weg stellten, der sich dem »,Nistar" widmen wollte, derjenige aber, der es sich dennoch erkor, im Sänne jener Alten dann auch religiös-praktisch wie auch geistig etwas leisten mußte, — machte es die chassidische Theorie dem Einzelnen relativ leicht, sich dem Chassidismus zu widmen, indem ein Minimum an Leistungen und Kenntnissen als Vorbedingung der Aufnahme hingestellt wurde. Nicht nur die alten nichtjüdischen Orden der Philosophie, sondern die Orthodoxie selbst hatte hier dem Chassidismus ein Vorbild geboten; der alte Gegensatz zwischen dem Lamdan und dem Am- Haarez, der trotz seiner krassen Unkenntnisse doch immer ein Jude war und

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