Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Die europäische Polenfrage und die polnische Judenfrage
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 653 (sequence 12)
- Language
- German
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Die europäische Polenfrage und die polnische Judenfrage 653 Zionisten vertreten, eine taktvolle und vernünftige Haltung eingenommen haben,— Wie die jüdisch-sozialistischen Parteien sich zur Proklamation der Unabhängigkeit stellen, bezeugen die Kundmachungen ihrer ausländischen Komitees, so jene des „Bundes" und der Poale Zion. In der Erklärung des Verbandsbüros der Poale Zion heißt es: „Unsere tiefste Sympathie für die Unabhängigkeitsbestrebungen des polnischen Volkes haben wir wiederholt zum Ausdruck gebracht. Wir verweisen insbesondere auf unsere Denkschrift vom November 1915 an die Sozialistische Internationale und auf die Erklärung unserer österreichischen Landespartei vom August 1915. Die jüdische Bevölkerung Polens hat sich vor dem Kriege und während desselben mit dem Kampf des polnischen Volkes um seine nationale Freiheit solidarisiert. Die jüdische Demokratie erblickt jedoch in der Sicherung der ungehemmten Entwicklung und der Rechte der nationalen Minderheiten eine Voraussetzung des friedlichen Zusammenlebens der das Land bewohnenden Völker. Wir stellen fest, daß bei der von den Mittelmächten vorgenommenen Umgestaltung der Verhältnisse in Polen die Rechte der nationalen Minderheiten nicht festgelegt sind, daß insbesondere die Rechte der jüdischen Nation, der zweitgrößten im Lande, vollständig ignoriert werden." Auch in der Erklärung der Delegation des poalezionistischen Verbandes an das Holländisch-skandinavische sozialistische Komitee in Stockholm vom 6. August 1917 wird die Vereinigung und Unabhängigkeit von Polen gefordert. Es wird jedoch die gewiß berechtigte Beschränkung gemacht, daß nämlich das neue Polen gemäß den Erklärungen der ukrainischen und tschechischen Delegation die Gebiete umfassen soll, wo die Polen die Mehrheit der Bevölkerung bilden. Das heutige Polen ist der Schauplatz des wütenden Kampfes der polnischen Verwaltung und der polnischen Gesellschaft gegen die Juden. Es trat sozusagen eine allgemeine soziale und wirtschaftliche Mobilisierung gegen die Juden ein, deren Folgen nicht abzuschätzen sind. Man kann jedoch schon im Hinblick auf die äußere Konstellation behaupten, daß der Kampf im Interesse der Polen selbst nicht mehr solche bedrohliche Formen annehmen darf und deswegen wahrscheinlich auch nicht annehmen wird. Unseres Dafürhaltens wird das Ergebnis der großen russischen Revolution von nicht zu übersehenden Folgen sein, insbesondere in dem nachbarlichen Polen. An den Grenzen Rußlands, des größten Nationalitätenstaates auf der Welt, in dem die Idee der Selbstbestimmung der Nationen den unbedingten Sieg errungen hat und die Gleichberechtigung der Nationen zum leitenden Staatsprinzip erhoben wird, kann kein nationaler Wetterwinkel mehr entstehen. Das Selbstbestimmungsrecht der Nationen ist jetzt nach dem Siege der Bolschewiki keine Phrase mehr, wie wir uns anläßlich der Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk zu überzeugen die Gelegenheit haben. Siegt nun diese größte Idee seit der Proklamation der Menschenrechte in der großen französischen Revolution auch in dem Friedensvertrage, dann werden wir Zeugen einer neuen gewaltigen Epoche der Weltgeschichte sein: der Geburt der freien Gemeinschaften, der Durchführung der Gruppenrechte, Die Vertreter der russischen Revolution, darunter — mit Stolz können wir es sagen — zum nicht geringen Teil Männer jüdischen Blutes, tun ihr Bestes, um den Grundsatz der nationalen Selbstbestimmung in voller Reinheit durchzuführen. Polen wird nun also wahrscheinlich seine endgültige Staatlichkeit erst dem Sieg dieses Prinzips zu danken haben. Gibt dies den Polen keinen Stoff zum Nachdenken? Wollen sie nun daheim die errungene Freiheit in eine Unfreiheit der anderen Stämme verwandeln? Wir sind überzeugt, daß die jüdische Bevölkerung Polens bei der zu gewärtigenden Volksabstimmung ohne Überlegung ihr Votum für den selbständigen