Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Die europäische Polenfrage und die polnische Judenfrage
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 654 (sequence 13)
- Language
- German
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654 Rosenfeld: Die europäische Polenfrage und die polnische Judenfrage unabhängigen Polenstaat auch ohne Vorbehalt abgeben wird. Ohne Vorbehalt, jedoch in der Annahme, daß Gerechtigkeit weitere Gerechtigkeit gebären wird. Es wird nach dem glücklichen Zustandekommen des Weltfriedens kaum denkbar sein, daß im Herzen Europas infolge nationalistischer Verhetzung eine immerwährende Gefahr entstehe, wie sie der Balkan stets geliefert hat. Gegen eine Lösung der Frage, die die polnischen Gefühle beleidigen könnte, muß sich freilich jede vernünftige Politik aussprechen; eine solche wäre ja von größtem Schaden für die Juden selbst. Man könnte sich also nicht für eine einseitige Lösung auf dem Friedenskongreß einsetzen, etwa daß man den Polen den Schutz der jüdischen Minorität als Pflicht auferlege. Das Ergebnis wäre unserer Meinung nach ebenso kläglich, wie die Bestimmung des Berliner Kongresses betreffend die Emanzipation der Juden in Rumänien. Was ist eine solche Bestimmung wert, wenn die Regierung keinen Willen hat sie zu respektieren und die beschließenden Konferenzteilnehmer außer der Eventualität eines Krieges keine eigentliche Exekutivgewalt haben? Anders, wenn dieser Weltkrieg mit einem Weltfrieden enden wird, mit einem Weltschiedsgericht und mit Festlegung der allgemeinen internationalen Rechtsprinzipien, die von allen Beteiligten zu respektieren wären. So glauben wir, daß die Lösung der polnischen Judenfrage nur möglich ist innerhalb der Lösung der jüdischen Frage überhaupt. Denn auch die polnische Judenfrage ist ein Teil der ganzen Judenfrage, und diese wird erst durch die Revolution in Rußland, durch die Bewegung in Amerika recht deutlich. Die jüdische Frage kann und muß auf dem Friedenskongreß behandelt werden im Sinn der ausgegebenen Losung von der Selbstbestimmung der Nationen. Sonach wäre die polnische Judenfrage keine spezielle polnische Frage, sondern eben eine der Fragen, die durch die Festlegung des Grundsatzes der Selbstbestimmung der Nationen zu lösen sein wird. So faßt die Frage das nationale Judentum auf, vornehmlich die Zionisten und die jüdischen Sozialisten, die im allgemeinen Arbeiterverbande Poale Zion organisiert sind. Den Standpunkt der PoaleZion hatübrigens schon das Holländisch-skandinavische Komitee in Stockholm akzeptiert, was aus dessen Proklamation zu ersehen ist. Dort ist von einer internationalen Lösung der Judenfrage die Rede, somit die Judenfrage als eine Weltfrage gekennzeichnet. Die Juden fühlen sich als eine nationale Gruppe in Polen und verlangen ihre Rechte als nationale Minderheit; dies ist während des Krieges unzweideutig zutage getreten. Die Polen dürfen dies keineswegs als einen feindseligen Akt gegen das Polentum, gegen die polnischen nationalen Interessen betrachten, um so weniger als die befriedigte jüdische Minderheit an dem Wiederaufbau des Landes und an der Gesundung der wirtschaftlichen Zustände ihr Bestes beizutragen willens und bereit war, was sicherlich nicht zu unterschätzen ist. Herodot erzählt, daß, als die skythischen Sklaven sich gegen ihre Herren aufgelehnt und große Erfolge aufzuweisen hatten, die Herren sich besannen und den Sklaven nicht mit der Waffe in der Hand entgegentraten, sondern sie mit den Sklavenpeitschen empfingen, worauf die knechtisch Gesinnten sofort das Feld verließen. Die Polen scheinen auf Anraten der Nationaldemokraten dieselbe Taktik anwenden zu wollen. Wir sind jedoch keine skythischen Sklaven, und mit Peitschen und Nadelstichen wird man der nationalen jüdischen Bewegung nicht begegnen. Eine vernünftige Verständigung muß und wird bei gutem Willen eintreten. z.Zt. Przemysl Max Rosenfeld