Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Die europäische Polenfrage und die polnische Judenfrage
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 652 (sequence 11)
- Language
- German
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652 Max Rosenfeld: und sich mit weniger nicht abfinden lassen wollen. Dies ist nicht ein Resultat der Ideologie der polnischen Emigranten und der fortschrittlichen (einschließlich der sozialistischen) Elemente, sondern eines der Erziehung zur Nationaldemokratie, die der polnischen Gesellschaft mit eigensinniger Konsequenz sowohl in Rußland, als in Galizien und in den polnischen Provinzen Preußens die antideutsche Orientierung predigte. Erst der zukünftige Historiker wird imstande sein, die Wirkung der Ideen der Nationaldemokraten und ihrer publizistischen Propaganda abzuschätzen. In Galizien hatten die nationaldemokratischen Ideen und ihre Propaganda dieselbe Wirkung wie in Polen. Nationaldemokratisch gesinnt war bald fast die ganze polnische Beamtenschaft, die mit dem Gespenst einer ruthenischen Gefahr geschreckt wurde, ferner das ganze polnische Kleinbürgertum und die Studentenschaft mitsamt allen Lehranstalten, denen wiederum die jüdische Gefahr an die Wand gemalt wurde. Es wurde sogar eine eigene Enquete wegen des Standes des polnischen Bürgertums (Städtertums) eingeleitet mit dem durchsichtigen Zweck der polnischen Gesellschaft, die jüdische Gefahr augenscheinlich zu demonstrieren. Sowohl programmatisch als auch faktisch war die nationaldemokratische Propaganda antiruthenisch und antijüdisch, und zwar wurde sie unermüdlich in der sehr verbreiteten nationaldemokratischen Presse geführt; von einer Assimilation der Juden wollte sie nichts wissen, forderte jedoch gebieterisch die unbedingte Gefolgschaft der Juden (natürlich ohne Recht auf Gegenleistung) dort, wo es sich um den sogenannten polnischen Besitz in Ostgalizien handelte. Wenn von einer Assimilation der Juden gesprochen wird, so ist damit eigentlich nur die äußerlich wohl hervortretende polnische Farbe gemeint; in der Tat haben wir es hier mit einer nationalen Nötigung zu tun; an eine gesellschaftliche und kulturelle Assimilation dachte doch niemand. Seit dem Ausbruch der russischen Revolution darf man wohl sagen, daß die Juden jetzt am meisten in den polnischen Gebieten beschränkt, am höchsten bedroht sind, vielleicht noch stärker, als unter dem alten Regime in Rußland. Denn in Rußland war nur die Bürokratie gegen die Juden, in Polen ist es die ganze Gesellschaft mit Ausnahme der dünnen Schicht der wirklich Progressiven. Kein Wunder, daß die Juden mit Bangen der Zukunft entgegensehen. Sachlich ist ja ohnehin Stoff genug zur Befürchtung. So ist bereits der Verfassungsentwurf für das Königreich fertig. Dem Entwürfe (dessen Autor Professor Cibichowski ist) entnehmen wir, daß die römisch-katholische Religion als Staatsreligion proklamiert ist; sonst wird der Grundsatz der konfessionellen Freiheit verkündet. Wenn nun die Juden bloß als konfessionelle Gruppe betrachtet werden, so liegt der Schluß nahe, daß angesichts der Bestimmungen der Verfassung sie wohl in konfessioneller Hinsicht keinerlei Hindernissen begegnen werden, wenn sie auch als religiöse Gruppe eben nur toleriert werden. Was auch aus der weiteren Bestimmung erhellt, daß die Vertreter der jüdischen Konfession zum Senat nicht zugelassen werden. Also lediglich Toleranz: genau, wie vor der großen Revolution. Die geschichtliche Uhr steht in Polen offenbar still! Für die Freiheit und Unabhängigkeit Polens haben sich alle jüdischen Parteien erklärt; es wurden offizielle Erklärungen abgegeben. Alle national gestimmten Parteien, die fast zu 8/4 die jüdische Bevölkerung in Polen vertreten, haben sich einmütig für die polnischen Freiheitsbestrebungen ausgesprochen. Es muß verzeichnet werden, daß die bürgerlichen Schichten in Polen, hauptsächlich von den