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Der Jude · 1927-01-01 · Heft 10-11 · p. 651

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Die europäische Polenfrage und die polnische Judenfrage
Date
1927-01-01
Page
651 (sequence 10)
Language
German
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IRI
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Die europäische Polenfrage und die polnische Judenfrage 651 nicht nach amerikanischem Muster eine Hetzjagd wie auf die Neger arrangierte, wiewohl man nicht allzu fern davon war. Auch noch während des Krieges wird in den Publikationen des Obersten Polnischen Nationalkomitees, in den Ergüssen ihrer jüdischen Helfershelfer immer wieder auf die Litwakifrage als die Ursache der nationalen Hetzjagd hingewiesen. So hat auch der polnische Abgeordnete in Preußen, Trampczynski, in der Budgetkommission im Mai 1917 diese Frage aufgeworfen, war jedoch ehrlich genug, festzustellen, daß die Monopolisierung des Handels die Reaktion der polnischen Gesellschaft hervorgerufen hat. Diese Lehren trachtete das nationale Lager in der Politik in die Tat umzusetzen, so in der Frage der polnischen Selbstverwaltung, wo es seinen Standpunkt durchsetzte und der jüdischen Assimilation durch Bildung einer separaten jüdischen Kurie Tür und Tor schließen wollte. Diese Kurie sollte aus dem Grunde gebildet werden, um die jüdischen Wähler auszuscheiden, zu isolieren, um sie dann als besondere Gruppe in dem Selbstverwaltungskörper leichter zu erdrücken. Wenn es wirklich nur die russische Regierungspolitik war, die Juden und Polen gegenseitig aufzuhetzen im Sinne der alten Maxime divide et impera, so versteht man nicht, warum die Polen nach der Befreiung von dem russischen Joche noch weiter und zwar viel vehementer die Verhetzung treiben, während in Rußland mit der Abschüttelung des Zarismus auch die Feindseligkeit gegen die Juden anscheinend nahezu vollständig aufgehört hat. Die Ursachen liegen eben tiefer; sie sind rassenkultureller, wirtschaftlicher und religiöser, vornehmlich aber sozialwirtschaftlicher Natur. Man wird dies bestreiten und uns der Unwissenheit, der Unkenntnis der Sachlage zeihen, allein die letzten drei Kriegsjahre haben blutige Spuren zurückgelassen. Man lese in ihnen, man zähle die Opfer. Es hat sich herausgestellt, daß der überwiegende Teil der polnischen Gesellschaft unter der Führung der Nationaldemokraten stand und die bekannte Proklamation des gewesenen Großfürsten Nikolaj Nikolajewitsch mit brausendem Jubel begrüßte. Denn die polnische Gesellschaft war russisch orientiert; nicht weil diese Orientierung einen der taktischen Auswüchse der Nationaldemokratie bildete, sondern weil dazu die wirtschaftlichen und darum die nationalen Interessen drängten. Wie die kapitalistischen Interessen die polnische Nation selbst gespalten haben, wie sie die Anschmiegung an Rußland forderten, weist die vorzügliche Schrift Rosa Luxemburgs „Die wirtschaftliche Entwicklung Polens" nach. Um wirtschaftliche Interessen handelte es sich auch im Kampfe mit den Juden. Daß die russische Regierung des Zaren die Judenhetzen in Polen lebhaft begrüßt hat, ist ja nur zu begreiflich, doch hat sie diese Hetze nicht im ganzen verschuldet Das Ausland hingegen war bezüglich der Stimmungen in Polen schlecht berichtet, denn es stützte sich, namentlich soweit die Zentralmächte in Frage kommen, auf die Informationen der polnischen Emigration und der radikalen Elemente. Man hielt die russophile Orientierung für eine Verirrung und glaubte immer noch, daß in dem Moment, wo die Truppen der Zentralmächte in Polen einmarschieren, eine allgemeine Erhebung folgen werde. Selbst der sozialdemokratische Schriftsteller Otto Bauer, sonst ein guter Kenner der polnischen Frage, glaubte an eine Revolution in Polen. Man weiß, daß das Gegenteil eingetreten ist, daß selbst die polnischen Legionen dort einen schweren Stand hatten, daß man nach den Kaiserproklamationen am 5- November 1916 und nach der Bildung des Staatsrates immer auf Schwierigkeiten stieß und daß die Frage der polnischen Armee nicht im Sinne der Zentralniächte gelöst wurde! Das will sagen, daß die Polen entschieden alles verlangen 44#

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