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Der Jude · 1927-01-01 · Heft 10-11 · p. 650

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Die europäische Polenfrage und die polnische Judenfrage
Date
1927-01-01
Page
650 (sequence 9)
Language
German
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650 Max Rosenfeld: und in der Isolierung des geistigen polnischen Lebens von den jüdischen Einflüssen. Eine Assimilation der jüdischen Massen perhorreszieren sie vollständig, diese Tendenz sei bankrott und vollständig falsch, für die Polen sogar erwiesenermaßen schädlich. Diese deutliche Sprache zeigt die Methoden der „modernen Polen" klar genug, und als die Lehren dieses polnischen Machiavelli in die Tat umgesetzt wurden, wurde Polen noch unter dem Regime des Zaren zum Schauplatz des wütendsten nationalen Boykotts. Es ist interessant festzustellen, daß, als dessen Ausbrüche mit einer den Polen eigentümlichen elementaren Leidenschaft erfolgten, die fortschrittlichen Polen und ihre Satelliten eine Doktrin hiefür zur Stelle hatten. Man hat zunächst als den unmittelbaren Anlaß zum Boykott die Wahl des sozialistischen Polen Jagiello gegen den nationaldemokratischen Kucharzewski (des gegenwärtigen ersten polnischen Ministerpräsidenten) bezeichnet, während die tiefere Ursache in der „Litwakifrage" stecken sollte. Was den ersteren Grund anbelangt, so verhält es sich damit so, wie bei der unmittelbaren Ursache des Weltkrieges mit dem Schuß des serbischen Mörders. Das Pulverfaß war voll, ein Funke genügte. Für den hysterischen Nationalismus war die durch die jüdischen Stimmen ermöglichte Wahl des Polen Jagiello gegen den Polen Kucharzewski schon eine Provokation, ein nationaler Hochverratsakt Die „Litwakifrage" verdankt bekanntlich ihr Entstehen der zaristischen Regierungsweisheit. Infolge der russischen Regierungsmaßnahmen ist nach 1905 eine massenhafte Einwanderung von Juden außerhalb der 10 polnischen Gouvernements eingetreten; die Polen nannten die Fremden Litwaki. Die Einwanderung wurde, weil sie massenhaft vor sich ging, als Fremdeninvasion angesehen. Erwägt man, daß die einströmenden Massen mit den polnischen Verhältnissen nicht vertraut waren, was natürlicherweise für manche Einheimische die Einschränkung des Futterplatzes bedeutete, so kommt man allerdings zum Schluß, daß diese wirtschaftliche Seite des Vorgangs den Polen höchst ungelegen war. Die teuflische Regierungskunst der russischen Machthaber wollten die Polen nicht sehen, sie sahen nur den „Feind", den „Fremden", der Polen in ein „Judäopolen" verwandeln sollte. Ein panischer Schrecken ging durch das Land. Die Nationaldemokraten verstanden in der russischen Regierungsmaxime die günstigste Gelegenheit wahrzunehmen, den Kampf gegen das jüdische Element überhaupt zu eröffnen. Die „litwakische Frage" konnten die Nationaldemokraten zur Vorbereitung der Stimmung gut benützen. Aber auch die „tiefere Ursache" war nur eine oberflächliche, was ja die Nationaldemokraten durch den Mund ihres Großinquisitors selbst offen zugestehen. So sagtDmowski (l.c.S.138): „Offensichtlich war nun die Unzufriedenheit, als vom nationalen Lager gesagt wurde, daß unser Land nicht vor einer ,litwakischen Frage* ,sondem vor einer jüdischen Frage stehe, welche nicht nur die frischen jüdischen Ankömmlinge, nicht nur die nationalistischen Agitatoren, sondern die ganze jüdische Masse unseres Landes, die assimilierten Juden einbegriffen, umfasse". Deutlich genug; und doch wird, bewußt oder unbewußt, die Litwakifrage als die tiefste Ursache der Wandlung des polnischen Gemütes, Verstandes und des Handelns hinausposaunt. Europa weiß vielleicht nicht, daß dieser Frage in den letzten drei Jahren vor dem Kriege eine ganze Literatur gewidmet wurde; daß dieser litwakische Kreuzzug alle besten polnischen Köpfe erfaßte bis hinauf zum ehemaligen Positivisten und mustergültigen Fortschrittler Swietochowski. Bücher, Broschüren, Flugblätter, ja ganze Romane wurden dieser Propaganda des Hasses gewidmet. Ein Wunder war es, daß man auf die Juden

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