Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Die europäische Polenfrage und die polnische Judenfrage
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 649 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101135-3102941--2075-3102997- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die europäische Polenfrage und die polnische Judenfrage 649 Familien in Warschau bereichert, sie gingen aber bald im Polentum auf und zogen mitunter die letzte Konsequenz durch Ablegung der jüdischen Religion. Die dünne jüdische Plutokratenschicht hat in der Tat das Geschäft bis zum Äußersten getrieben und für sich großes Ansehen erworben; der Zusammenhang zwischen dieser dünnen Schicht und der übrigen jüdischen Bevölkerung war überhaupt nicht vorhanden, er besteht auch weiter nicht. In Galizien, wo die politischen Verhältnisse günstig lagen, machte sich die polnische Schlachta die Juden einfach politisch dienstbar und gewährte den verdienstvollen Vermittlern der Juden allerhand Konzessionen, die der jüdischen Bevölkerung sicher zugute gekommen sind. (Näheres darüber in meiner Schrift „Polen und Juden", 1917). In Polen wiederum galt der stillschweigende Bund mit den Juden auf dem Gebiete der Wirtschaft nur so lange, als die Polen imstande waren, die Führung selbst zu übernehmen. Hier wiederholt sich also nochmals das, was Wilhelm Roscher als den Grund des Judenhasses anführt: Die jüdische Vormundschaft auf dem Gebiete der Wirtschaft wird als unnötig, nunmehr als lästig empfunden. Das wahre Gesicht der polnischen Judenfrage als einer eigenartigen sozialwirtschaftlichen und nationalen Frage haben .die Polen nie gesehen, nie sehen wollen. Kaum ist die wirtschaftliche Seite zum Vorschein gekommen, kaum kam es zu einem Zusammenstoß im Räume, so ertönte der Schrei von der jüdischen Gefahr, der der gesamten polnischen Gesellschaft in den Ohren gellte. Diese Gefahr mit grellen Farben auszumalen, war das Geschick und das Talent der größten, bestfundierten Organisation in Polen, der Nationaldemokraten. Die nationaldemokratischen Ideen sind heute die polnischen Ideen, wenn sich auch manche Teile der Fortschrittler dagegen sträuben und diese Behauptung als Verleumdung ansehen werden; nationaldemokratische Schlacken weist auch deutlich der heutige polnische Sozialismus auf. Der Ton, auf den das nationaldemokratische Instrument gestimmt ist, ist der „sacro egoismo", im Polnischen: der „egoizm narodowy", von den Nationaldemokraten zum nationalen Dogma erhoben. Die Kehrseite dieses nationalen Egoismus mußte naturgemäß die Doktrin des nationalen Hasses sein, insbesondere gegen die Juden und die Ruthenen. Unermüdlich wird in den vielen Publikationen der Nationaldemokraten die Lehre von der „jüdischen Gefahr" gepredigt, am meisten von ihrem Hauptwortführer Roman Dmowski in seihen „Gedanken eines modernen Polen'* (Lemberg 1904) und in der Schrift „Verfall der konservativen Ideen in Polen*1 (Warschau 1914)* Dmowski rechnet es sich und den Nationaldemokraten als Verdienst an, daß sie zuerst auf die Gefahr der Verjudung der polnischen Städte und auf den zweifelhaften Wert der Juden im national-polnischen Belange hingewiesen haben. Die Juden bilden nach ihm in Polen eine Gefahr, weil sie an Bevölkerungszahl zunähmen und wirtschaftlich ungemein erstarkten, was die Abhängigkeit der polnischen Bevölkerung von der jüdischen zur Folge habe. Ein Resultat dieser Erscheinungen sei weiter die jüdisch-nationale Bewegung. Die Nationaldemokraten haben, einmal zur Erkenntnis der jüdischen „Gefahr" gelangt, ein Remedium gefunden und dieses suchen sie konsequent durchzuführen. Es besteht nach Dmowski (Verfall der konservativen Ideen in Polen S. 78) in dem Bestreben, das polnische Bürgertum mit Hilfe der ganzen Polnischen Gesellschaft in Handel, Industrie und Handwerk zu stärken, in der Beschränkung der Zahl der Juden im Lande durch Auswanderung Heftio/it. 44