Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1927-01-01 · Heft 10-11 · p. 648

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Die europäische Polenfrage und die polnische Judenfrage
Date
1927-01-01
Page
648 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3101111-3101126-3101135-3102941--2074-3102996
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

«48 Max Rosenfeld: dem der schöne Vergleich der Juden mit einer Winter- und Sommerheuschreckenplage stammt, ferner Hugo Koll^taj (lies: Kollontaj), der in seinem Hauptwerk (Das Staatsrecht der polnischen Nation, oder eine Verfassung der polnischen Republik, 1790, S. 182—189) von der Ansicht ausgeht, die Juden hätten das polnische Reich „unterjocht". Nur Butrymowicz stand auf dem Standpunkt der Gleichberechtigung und hielt im Dezember 1791 eine warme Verteidigungsrede für die Juden, die seiner Ansicht nach unglücklicher seien als die anderen; sie seien nicht in der Lage einzusehen, was ihnen nützen könne. Schließlich wurde auch über seinen Antrag die Entschuldung der Kahals beschlossen. Auch von jüdischer Seite wurde in die Diskussion über die polnische Judenfrage eingegriffen; es war der Standpunkt Mendelsohns, der da hineingetragen wurde, so bei Hurwicz, Falkind, Calmanson und Josefowicz. 1818 erschien eine Broschüre des Generals K. (Apercu sur les Juifs de Pologne), die vorschlug, den Juden ihre besondere Kleidung zu verwehren und die jüdische Erziehung zu verbieten; eine Replik erschien seitens des Rabbi Moses ben Abraham. Die Reform des Marquis Wielopolski, die in der Aufhebung der rechtlichen Beschränkungen bestand, war nach Cleinow (Die Zukunft Polens II. 98) eine seiner ersten Amtshandlungen im Jahre 1862 „in der sicheren Voraussetzung, sich damit die haute finance nicht nur in Warschau, sondern auch in Krakau, in Wien und Paris gewogen zu machen". Die Juden nahmen die ihnen winkende Gleichberechtigung mit großer Dankbarkeit auf und zahlten den Wirten mit rührenden patriotischen Gefühlen heim; aber nicht nur mit Gefühlen, denn im Aufstande 1863 floß viel jüdisches Blut. Die jüdische haute-finance stellte sich freilich in den Dienst der polnischen Sache, so die vielen Bankiersfamilien in Warschau, die späteren Pfeiler der sogenannten Ugoda (Versöhnung mit der sarischen Regierung). Die Juden öffneten ihre Salons für politische Zusammenkünfte, Juden finanzierten die polnische Presse. Allein für die Gleichberechtigung der Juden waren bloß die Anhänger Wielopolskis, nicht auch die seines größten polnischen Gegners, des Grafen Andreas Zamojski, des aristokratischen Revolutionärs, der Polen wiederherstellen wollte. Nur aus wohlverstandenem Interesse heuchelte man das Eintreten für die Gleichberechtigung — oder trat ihr zumindest nicht offen entgegen. Mit Recht meint Cleinow (II. B. S 299): „Die politischen Grundlagen, auf denen man mit dem Zaren paktieren konnte, waren zerstört, als man Wielopolskis Reformwerk verhinderte und dem vom Klerus eingeschüchterten Andreas Zamojski folgte. Jetzt gab es nur noch eine Grundlage: die Wirtschaft. Die wirtschaftliche Existenz des Großgrundbesitzes, die die russischen Reformen zu vernichten drohten, galt es zu retten, und um dies noch in letzter Stunde zu können, mußte man gerade in jenem Punkte nachgeben, der den Adel am meisten zur Torheit gegen Wielopolski getrieben hatte; man mußte politisch und gesellschaftlich mit den Juden auf eine Stufe treten, nachdem sie durch wirtschaftliche Tüchtigkeit und diplomatisches Talent eine Dankes- \ -schuld für deren Gastfreundschaft vor Jahrhunderten an die Polen abgetragen hatten; sie bewahrten den polnischen Adel und das ganze Land vor dem völligen Ruin. In der Tat überließ man den Juden teilweise die Führung in wirtschaftlichen Dingen; das jüdische Talent, der Fleiß und noch mehr das jüdische Kapital belebte, befruchtete die stark im argen liegende polnische Wirtschaft. Das Resultat war ein Aufblühen der polnischen Industrie, der Landwirtschaft und die Entwicklung der Geldinstitute. Zwar hat sich eine ziemlich große Schar jüdischer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.