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Der Jude · 1927-01-01 · Heft 10-11 · p. 647

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Die europäische Polenfrage und die polnische Judenfrage
Date
1927-01-01
Page
647 (sequence 6)
Language
German
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IRI
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Die europäische Polenfrage und die polnische Judenfrage 647 es in polnischen Landen keine spezifisch jüdische Frage gebe; die Juden seien einfach Hörige, das Recht auf die politische und wirtschaftliche Nutznießung der Juden sei historisch und ersessen. Den Juden brauche man keine besonderen Gesetze zu geben, sondern nur ab und zu wie in guten alten Zeiten Privilegien. Die Polen aller Parteirichtungen wollen von nationalen Rechten der jüdischen Minderheit nichts wissen; diesen Gedanken lassen sie einfach nicht zu. In diesem Punkte ist heute Polen die reaktionärste Gesellschaft. In Rußland steht die nationale Autonomie der Juden außer Zweifel; die ukrainische Republik proklamiert desgleichen das Recht der nationalen Minoritäten, und Litauen tut dasselbe. Die ehemaligen Länder der freiwilligen Lubliner Union überragen also heute in dieser Hinsicht die ehemalige polnische Metropole. Sonderbar nur, daß die polnischen Freiheitshelden von gestern und heutigen nationalen Imperialisten in ihren Bestrebungen nach Wiederherstellung Polens ihren Schutzarm auch auf die nunmehr bestehende Republik Ukraina und auf Litauen, das ein efgenes Staatswesen gründen will, ausdehnen wollen. Polen steckt zwischen Preußen und Ungarn, also im Zentrum der in nationaler Hinsicht nicht, besonders fortschrittlichen Staaten. Dieses zufällige geographische Moment ist doch nicht bestimmend, und die nationale Zurücksetzung in Preußen sollte die Polen andere Methoden lehren. Ihre Handlungsweise im Polen beider Okkupationsgebiete und in Galizien muß noch greller erscheinen im Lichte der Reden ihrer preußischen Vertreter. Charakteristischerweise ist die jüdische Frage in der politischen Literaturan der Wende desi 8. Jahrhunderts schroffer behandelt worden, als der vierjährige große Sejm es tat. Die Gleichberechtigung der Bürger, die ihren Ausdruck in der Mai-Verfassung von 1791 gefunden hat, ist ja in Polen niemals in die Tat umgesetzt worden. Hingegen hat die geschriebene Literatur viel Schaden angerichtet; sie läuft von der Wende des 18. Jahrhunderts bis zum heutigen Tage: die dazwischen proklamierte Verfassung vom 3. Mai war lediglich eine Episode, und die Reformen des Marquis Wielopolski sind unter dem russischen Regime auch nicht zur Geltung gekommen. Schon 1778 hat Andreas Zamojski dem Großen Sejm ein Projekt in der Judenfrage eingebracht, demzufolge die nicht begüterten Juden, oder solche, die kein Handwerk kannten, verbannt werden sollten; die anonyme Schrift von 1780, »Gespräch zwischen einem polnischen Schlachzizen, einem Schweizer und einem Danziger Juden" galt als erster Protest gegen die alte Ordnung der Dinge in Polen, während die weitere anonym erschienene Schrift „Die Juden oder Notwendigkeit einer Reform der Juden in den Ländern der polnischen Republik*' zum Ausgangspunkt „ein dauerhaftes und ewiges Konkordat zwischen den beiden kämpfenden Nationen" hat und zwar auf Grund gegenseitiger Konzessionen. Es ist die erste Schrift, welche die Assimilation der Juden als Programm aufstellt, und wiewohl sie ein „Konkordat" will, schlägt sie nationale Nötigung und Zwang vor, um die stammlichen Verschiedenheiten gänzlich zu verwischen. Zu diesem Behufe sollen die autonomen Rechte der Juden beschränkt, die jüdischen Druckereien aufgehoben, die Einfuhr hebräischer Bücher verboten werden; die Kahals dürften nur polnisch amtieren; ihre Kompetenz sollte sich nur auf rein geistige Sachen erstrecken. Die so reformierten Juden könnten keine Gefahr mehr in Polen bilden. Dieses Gefasel von einer „jüdischen Gefahr" hört seit jener Zeit nicht mehr auf, zumal die größten polnischen politischen Schriftsteller und Statistiker sie immer wieder auf die Wand malten. So Stanislaus Staszic, von

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