Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Die europäische Polenfrage und die polnische Judenfrage
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 646 (sequence 5)
- Language
- German
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646 Max Rosenfeld: bilden, nämlich jener Elemente, von denen man getrost sagen kann, daß ihr Appetit mit dem Essen riesig gestiegen ist. Ende Oktober 1917 fanden in Berlin zwischen den Leitern der auswärtigen Ämter Deutschlands und Österreich-Ungarns Besprechungen statt, als deren Ergebnis die Regelung der polnischen Frage im sog. austro-polnischen Sinne zu erfolgen hätte. Polen sollte Österreich angegliedert werden: ob durch Personal¬ oder Realunion, ist nicht bekannt. Dieser Plan hatte die Zustimmung nicht nur der polnischen Konservativen, sondern auch die klandestine Zustimmung der polnischen Sozialdemokraten (die seit zwei Jahren lediglich nationalistische Politik treiben). Die Empörung der deutschen Sozialdemokratie, der Tschechen, Südslaven und natürlich der Ruthenen, die entschlossene Haltung dieser Parteien im Abgeordnetenhause, Anfang November, hat anscheinend die Regierung des Grafen Czernin belehrt, daß ihr ursprünglicher Plan ein Mißgriff war. Dies um so mehr, als auch Galizien von Österreich abgetrennt und mit dem Königreiche Polen vereinigt werden sollte, was auf immense Schwierigkeiten stoßen müßte. Auch der Vertreter der jüdischen Bevölkerung aus der Bukowina sprach sich entschieden gegen die Losreißung Galiziens aus. Wir möchten noch feststellen, daß die Jagiellonische Idee sehr popularisiert und der nationale Imperialismus schon jetzt stark geschürt wird; also bevor noch das ethnographische Polen hergestellt ist, wird das national expansive Polen ausgemalt. So befaßt sich der polnische Geograph Prof. Eugen Romer mit der Feststellung der Gebiete, die die Sphäre der polnischen Interessen bilden sollten. Da erfährt man aus seiner'kriegspolitischen Karte Polens, daß die litauisch-weißrussischen Gebiete die sog. erste polnische Interessensphäre bilden. Diese zieht sich im Norden von Dünaburg bis Witebsk, endlich gegen Süden bis zu den Pripetjsümpferi. Auch das Polesie und Wolhynien sollen Polen angegliedert werden und zwar aus dem Grunde, weil sie kulturell sehr niedrig stehen, so daß eine polnische wirtschaftliche und kulturelle Durchdringung leicht möglich sei. Die Gebiete östlich von Luck und zwar Starokonstantinow, Jampol usw. gehören in die erste Interessensphäre. Im Sinne der Ausführungen Romers sollte die Grenze des Polenstaats noch weiter nach Osten verschoben werden, als die heutigen Schützengräben laufen. Von Dünaburg über Mohilew, die Ufer der Beresina, die Pripetjsümpfe und die Wälder der Polesie, über Shitomir und Berdyczew bis zum mittleren und unteren Lauf des Dnjestr soll die Grenze laufen, wobei noch immer die sog. zweite Linie der polnischen Interessensphäre zurückbliebe. Die chauvinistischen nationalen Imperialisten wollen nichts wissen von den Sonderbestrebungen der Litauer und Weißrussen und von den Regungen der Ukrainer: sie stehen auf dem Standpunkte, daß ihr historisches Recht stärker sei, als die Sonderbestrebungen der erwachenden Völker. Die Polen sind ihrem Bewußtsein nach ein Herrenvolk, ähnlich den Magyaren; sie haben ihre nationale Präponderanz zu einem historischen und politischen Dogma erhoben. Fast kann man sagen, daß sie sich ein nationales Legitimitätsprinzip geschaffen haben. In ihrem nationalen Katechismus ist jede fremdstammliche Gruppe nur eine konfessionelle, oder höchstens eine soziale. So ist ihnen die ruthenische Frage eine soziale (siehe Jaworski: Listy ze Sejmu, Lemberg 1913), die jüdische hingegen lediglich eine konfessionelle, die durch Toleranz zu lösen ist. (Dieser bewußt falsche Standpunkt ist auch wieder in der Enunziation des provisorischen Staatsrates an die jüdischen Orthodoxen bekundet worden.) Sie glauben also, daß