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Der Jude · 1927-01-01 · Heft 10-11 · p. 645

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Die europäische Polenfrage und die polnische Judenfrage
Date
1927-01-01
Page
645 (sequence 4)
Language
German
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Die europäische Polenfrage und die polnische Judenfrage 645 argwöhnisch überwachte und die Angliederung Polens an Österreich perhorreszierte (was sehr wahrscheinlich ist), oder ob es andere Gründe waren, ist nebensächlich, Tatsache ist, daß die Kaiserproklamationen vom 5. November 1916 den Polen weniger versprachen, weshalb diese verstimmt wurden und zwar sowohl in dem Königreiche Polen als auch in Galizien. Dort, weil es ein „Rumpfpolen" war, in Galizien, weil die angekündigte Sonderstellung Galiziens als Entgelt für die unterbliebene Angliederung an das neugegründete Polen nicht den ungeteilten Beifall der Polen fand. Indes wurde die Sonderstellung Galiziens zuerst sehr eifrig betrieben, und dieser Aufgabe widmeten sich der eigens ins Kabinett berufene polnische Staatsmann Dr. Bobrzynski und der Obmann des Polenklubs; ja die polnischen Sozialdemokraten und ehemaligen Gegner der Sonderstellung wirkten auch mit, sie waren sogar für eine außerparlamentarische Erledigung ihres Entwurfes; doch die Regierung zauderte im letzten Moment vor diesem offenbaren Verfassungsbruch, und die Sache ist vorläufig in der Schwebe. Diesen psychologischen Moment griffen nun die schlauen Politiker auf und proklamierten laut vor aller Welt unter Begleitung äußerer Demonstrationen, sie verlangten garnicht die Sonderstellung Galiziens, die Sache sei nicht mehr aktuell. So kamen am 28. Mai 1917 jene denkwürdigen Resolutionen in Krakau zustande, deren Gipfelpunkt der Satz bildet: Das polnische Kolo Sejmowe (dieses bilden sämtliche polnischen Reichsrat- und Landtagsmitglieder als höchste nationale Instanz) stehe auf dem Standpunkt des vereinigten, unabhängigen Polens. Somit ist die Resolution vom 16. August 1914, als das Ergebnis der militärischen Operationen noch in Dunkel gehüllt war, eigentlich hinfällig. Die Polen verlangen den Status quo ante 1772: die Jagiellonische Idee, wie sie ihre Wandlung durchgemacht hat, ist die polnische Idee, in dem Sinne sind die Polen ja nationaldemokratisiert worden. Und tatsächlich waren es die Nationaldemokraten im Polenklub, die diese scharfe Wendung durch ihr mutiges Auftreten hervorgerufen haben. Daß diese Wendung den Regierungen der Zentralmächte peinlich ist, ist ja nur zu begreiflich; es ist nicht abzusehen, wohin sie führen wird, zumal die Polen sehr viel auf die Erklärungen der Ententemächte geben und ihre Stimmen sorgfältig registrieren. Daß Amerika, England, Frankreich und Italien ein geeintes Polen sehen möchten, ist von ihrem Standpunkte auch begreiflich. Und so ist die polnische Frage im gegenwärtigen Moment die eminente europäische Frage, ist die akuteste Gefahr; eine Lösung muß gefunden werden. Darüber wird die Zukunft entscheiden, kein Mensch weiß, welche Lösung da kommen mag. Indes sahen sich die früheren Teilungsmächte und jetzigen Okkupanten veranlaßt, die in Polen wachsende Mißstimmung durch Erfassung eines neuen Patentes abzudämpfen. Die Kaiserlichen Patente vom 12. September 1917 „über die Staatsgewalt im Königreich Polen" sehen einen Regentschaftsrat und einen Staatsrat vor. Die eigentliche Regierung wird durch einen Ministerpräsidenten dargestellt. Eine „auf demokratischen Grundsätzen aufgebaute Volksvertretung" ist zur Zeit nicht vorgesehen, aber auch sonst enthält das Patent allerlei Beschränkungen. Die Staatsgewalt wird zwar im Sinne des kaiserlichen Handschreibens „in der Hauptsache in den Händen einer nationalen Regierung ruhen" — aber noch viel Staatsgewalt ruht in den Händen der beiden Generalgouverneure in Warschau und in Lublin. Dies der Grund des ungeminderten Mißmutes und des Schmollens der radikalen Elemente der Polen, die doch heute die Majorität

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