Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Die europäische Polenfrage und die polnische Judenfrage
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 644 (sequence 3)
- Language
- German
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644 Max Rosenfeld: Dabei ist hervorzuheben, daß die führenden Polen stets die Wiederaufrichtung des gesamten früheren Staates angestrebt haben und nicht nur der ethnographisch und sprachlich rein polnischen Gebiete. Die sogenannte Jagiellonische Idee, Wiederaufrichtung des Staates vom Baltischen bis zum Schwarzen Meer (Polska od morza do morza), ist bis auf den heutigen Tag die dominierende Idee der gesamten polnischen Nation, einschließlich der Sozialdemokraten. So verlangt die revolutionäre Schlachzizenpartei unter Führung des Grafen Andreas Zamojski (des Gegners des Marquis Wielopolski) in dem Manifest der Großgrundbesitzer an den Zaren Alexander II. die Lostrennung Litauens, Wolhyniens und Podoliens von Rußland und ihren Anschluß an das Königreich Polen. 1870 hat ein anderer polnischer Magnat, Fürst Georg Czartoryski, eine Schrift herausgegeben, in der er der Jagiellonischen Idee das Wort redet; er rät den österreichischen Polen, sich mit ganzer Kraft dafür einzusetzen, und bis dahin gute Österreicher zu bleiben. Der im August 1871 nach Lemburg einberufene Polenkongreß hat die Jagiellonische Idee als nationales. Programm proklamiert; man stellte sich auf den Standpunkt der Union in Lublin (1569), den einer Vereinigung von Polen, Litauen und der Ukraina, und legte so das Programm des expansivsten nationalen Imperialismus als historisch überwiesenes Erbe fest. All das ist polnisches Gemeingut: die Periode des Marquis Wielopolski, die Politik der galizischen Konservativen als der Säulen der Habsburgischen Politik, der ganze sogenannte Tröjlojalizm sind Etappen polnischer Wiederherstellungspolitik. Die Versöhnungspolitik einer dünnen Kapitalistenschicht, die aus Polen, Deutschen und Juden bestand und sich seit 1880 in Rußland regte, war eine Episode. Bliebe eigentlich die Nationaldemokratie, welche russophil war in dem Sinne, daß sie glaubte, die Wiederherstellung in Anlehnung an Rußland zu erreichen; es muß aber hervorgehoben werden, daß die Nationaldemokraten, die stärkste polnische und zugleich bestorganisierte Partei, stets aufs Ganze gingen und Anhänger der Jagiellonischen Idee waren. Sie wurden auch Allpolen genannt, was gewiß nicht darauf hinweist, daß sie sich mit einem verkleinerten Polen begnügen wollten. Man kann nun sagen, daß die Ideen der Nationaldemokraten Gemeingut geworden sind. Die nationaldemokratischen Ieeen bilden die polnische Ideologie schlechtweg, die gesamte polnische Nation ist heute nationaldemokratisch geworden. Der Krieg hat dies klar erwiesen. Wiewohl es nicht mehr so fern lag, insbesondere seit 1908, daß es zu einem Konflikte mit Rußland kommen werde, war doch die Vorbereitung der Polen eine gar geringe, denn die winzige Legion kann ja nicht als die Erhebung Polens angesehen werden, wie es die Diplomaten und sogar die Sozialisten meinten. Dies soll den heldenmütigen Kampf der Legionen keineswegs verkleinern, wir meinen bloß die Zahl der Legionäre als solche. Und doch haben es die Polen verstanden, am 16. August 1914 in Krakau ein Programm über die zukünftige Gestaltung Polens aufzustellen: das zu erobernde Polen sollte zusammen mit Galizien als staatliche Einheit an das Österreich der Habsburger angegliedert werden. Also eine polnische Wiederholung des ungarischen Beispiels von 1867, oder etwa das, was schon nach Bismarck 1854 von mancher Seite geplant wurde. Dieses 1914 aufgestellte Zukunftsprogramm fand die Billigung des österreichischen Ministers des Äußeren, und das von den sämtlichen polnischen Parteien eingesetzte Oberste nationale Komitee begann seine Arbeit. Ob es Graf Tisza war, der die gesamtstaatliche Politik