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Der Jude · 1927-01-01 · Heft 10-11 · p. 643

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Die europäische Polenfrage und die polnische Judenfrage
Date
1927-01-01
Page
643 (sequence 2)
Language
German
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Die europäische Polenfrage und die polnische Judenfrage 643 den Rebellen Napoleon das Gespenst war, das nichts Vernünftiges hervorbringen ließ, und daß nach dem Kongreß die berüchtigte Periode der heiligen Allianz und des Legitimismus folgte, die wahnwitzige Verfolgungssucht der Metternichschen Periode, die Epoche der finstersten Reaktion in allen drei Teilungsmächten, in einer Zeit, in der im Westen die demokratischen Ideen im allgemeinen und die neuen Ideen der Nationalitäten immer mehr um sich gegriffen und sich vertieft haben. Eine nicht unbegründete Ansicht könnte vorgetragen werden, daß der internationale Charakter der Polenfrage nicht zuletzt die Ursache der inneren Reaktion der Teilungsmächte war; die polnische Frage war ja seit ihrem eigentlichen Entstehen eine Gefahr. Wenn Furcht für Einzelne ein übler Berater ist, wird man deren Bedeutung für größere Gebilde kaum anders einschätzen können. Bei all dem wesentlich verschiedenen Herumexperimentieren mit der Frage in Rußland (Verfassung von 1804, 1815 und polnischer Landtag unter Alexander L), in Österreich (Einsetzung eines polnischen Statthalters) und Deutschland (wo von Anfang an nichts für die Polen getan wurde) konnte man doch der Polenfrage den europäischen Charakter nicht nehmen; die verschiedenen Methoden verschärften ihn vielmehr noch. Und so kann es schließlich nicht wundernehmen, daß, wie Bismarck in seinen „Gedanken und Erinnerungen" erzählt, schon 1854 in manchen diplomatischen Kreisen der Gedanke erwogen wurde, Polen unter Österreichs Führung wiederherzustellen. Charakteristisch ist, daß man daran dachte, Polen (ganz oder teilweise) herzustellen, doch nicht wieder aufzurichten; also kein selbständiges Polen zu schaffen, sondern es unter die Obhut e'iner Teilungsmacht zu stellen. Es mag sein, daß die zwei anderen Mächte auf diese simple Weise sich vom polnischen Alpdruck befreien wollten; eine Lösung haben sie sicherlich nicht bezweckt. Dies ist der Grund, warum die Polenfrage Preußen-Deutschland und das Rußland Nikolaus* I. und Alexanders II. zu diplomatischen Dioskuren machte und daß Rußland 1866 den Bruderkrieg möglich machte in dem Sinne, daß Frankreich sich nicht einmischen konnte, und vier Jahre später dasselbe Rußland wiederum Österreich im Schach hielt, als Deutschland mit den Franzosen Krieg führte; hat doch früher Bismarck 1863 Gewehr bei Fuß darauf geachtet, daß der polnische Aufstand nicht nach Preußen herübergreife, und seinen Bemühungen ist es zuzuschreiben, daß dieser Aufstand trotz der Sympathien des Westens für die Polen die blutigsten Folgen nach sich zog. Diese diplomatische Zickzackpolitik mußte sich rächen, wenn auch die Männer *on der Zunft den Grundsatz des römischen Kriminalrechtes: quod non est in actis, non est in mundo zu einem Dogma der Politik erhoben, als ob ganze Völker ihr Leben nach dem Rezept der Diplomaten einrichten würden. Nie abgebrochen zog sich die polnische nationale Tradition durch die Geschichte, erhalten und erhoben von einer Reihe von Dichtern und Schriftstellern, getragen von den besten Söhnen des polnischen Volkes. Die Geschichte Polens seit 1772 ist die Geschichte des Ringens um die Wiederherstellung der eigenen Staatlichkeit. Die Beteiligung an den napoleonischen Kriegen bis 1815, die Aufstände 1830, *863 und 1905, die Teilnahme an allen Erhebungen, welche insbesondere in Rußland, als der größten Teilungsmacht stattfinden, füllt ein Stück Geschichte im 19. Jahrhundert aus. Der polnische Adel, der in allen Großstädten Europas Einfluß.hatte, bemühte sich immer wieder, die polnische Frage aktuell zu machen.

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