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Der Jude · 1927-01-01 · Heft 10-11 · p. 642

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Die europäische Polenfrage und die polnische Judenfrage
Date
1927-01-01
Page
642 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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642 Max Rosenfeld: DIE EUROPÄISCHE POLENFRAGE UND DIE POLNISCHE JUDENFRAGE*) Dem Andenken 5er Borochows, des mutigen Kämpfers und edlen Geisteshelden, in tiefster Trauer. Man beginnt immer mehr einzusehen, daß unter den tiefen Ursachen des gegenwärtigen Weltkriegs jenes diplomatische Machwerk, das unter dem Namen der Teilung Polens bekannt ist, nicht die geringste ist, wiewohl es bald fünf Generationen alt ist. Die Aufteilung eines großen, innerlich wohl zerfahrenen und zerrütteten Staates von ungeheuren territorialen Grenzen ist zu einer chronischen Gefahr zunächst für die Teilungsmächte und sohin auch für Europa geworden. Die damaligen Nöte im polnischen Wirtschaftsleben und die Übel des Verfassungslebens waren gar nicht größer, als sie in manchen Staaten in Europa noch heute bestehen und leider weiter bestehen werden. Der kranke Mann an der Weichsel hätte noch genug Kräfte hervorbringen können, und der Natur überlassen wäre er sicherlich genesen, wenn die Teilungswunderdoktoren es nicht vorgezogen hätten, durch systematische Aderlässe den Kranken früher fertig zu machen. In der Tat waren die Reformen des Großen Landtages und sein großes Ergebnis: die Verfassung vom 3. Mai 1791, ein grandioses Werk, und die neueren Historiker haben recht mit ihrer Behauptung, daß mehr die äußeren als die inneren Ursachen Polen zertrümmerten. Die inneren Wirren waren für die dunklen Diplomatenkünste willkommene Gelegenheiten. Seit jenem unglücklichen Grenzdatum des heutigen Krieges, seit 1772, war Europa zweimal gänzlich in Brand und stand nahe daran, zwei andere Male in Brand gesteckt zu werden. Dies vermöge der durch die eigenartige territoriale Lage der polnischen Länder geschaffenen neuen Herren. Man versucht retrospektiv Analogien aufzustellen, wie es denn wäre, wenn die polnischen Provinze» während der napoleonischen Kriege — polnisch gewesen wären. Sicher ist, daß die polnische Frage während der napoleonischen Kriege über den Rahmen einer inneren Frage der benachbarten Teilungsmächte zu einer europäischen geworden ist, vielleicht auch aus dem Grunde, weil die Teilungsmächte durch die Teilung Polens eben Nachbarn geworden sind. Denn es dürfte schon heute klar sein, daß ein Grund der Feindschaft zwischen den Zentralmächten und Rußland sowie auch zwischen den Zentral mächten und dem Westen darin besteht, daß die Zentralmächte mit Rußland sich hart im Räume stoßen und an der polnischen Frage chronisch krank sind. Die durch die Teilung ge* schaffenen Dispositionen der äußeren Politik bildeten im XIX. Jahrhundert die Triebkräfte der verschiedensten Verwicklungen. Der Wiener Kongreß als liquidierende Stelle der großen napoleonischen Kriege, welche ganz Europa durchwühlt haben, erwies sich zu sehr als vornehme Diplomatenversammlung. Dies genügt, um die vollständig gegen den Lauf und Geist der Geschichte erfolgten Ergebnisse dieser Tagung zu begreifen: es war der Länderzuschneidekongreß mit seidenem Meßband. Schöpferische Gedanken, in der Geschichte begründete Entschlüsse wurden nicht gefaßt, weil sie auf einer Tagung von Diplomaten nicht gut möglich sind; Diplomaten blieben bis heute das, was ihrem Namen entspricht. Kein Wunder, daß die Polenfrage nicht gelöst wurde, sondern weiter offen blieb, daß die Sorge um *) Aus einer größeren Arbeit, die demnächst im Verlag R. Löwit, Wien erscheinen wird-

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