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Der Jude · 1916-05-01 · Heft 2 (Mai 1916) · p. 110

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 2 (Mai 1916)
Article
Jüdische Volksarbeit
Date
1916-05-01
Page
110 (sequence 7)
Language
German
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HO Salomon Lehnert: bevölkerten Stadt ein Zentrum für die junge Generation besitzt, wo Juden, wie wir sie uns denken, herangebildet werden. Was englischen, amerikanischen, holländischen und seit einiger Zeit auch den deutschen Studenten durch unermüdliche Arbeit gelungen ist, nämlich ein wirklicher Faktor in der Volkserziehung zu werden, muß auch uns gelingen. Wenn wir jüdischen Studenten in Deutschland anfangen und Stätten ins Leben rufen, in denen wir durch unsere Arbeit die soziale Lage unseres Volkes verbessern, und in geistiger und körperlicher Beziehung an der Regeneration unseres Volkes arbeiten, werden die Studenten in Österreich und Polen unserem Beispiel folgen. Einmal muß angefangen werden.! 5. Diejenigen Nationalisten, die das wahre Judentum in restloser Vollkommenheit im Ostjudentum verkörpert sehen, werden uns „entjudeten" Westlern das Recht der Beeinflussung ja absprechen. Wir geben zu, daß wir den in Deutschland wohnenden Ostjuden nicht Vermittler von jüdischen Werten sein können, die in der Vergangenheit, in der Tradition liegen, wie Sitte, Volkslied, Sprache; wir können nur danach streben, in Deutschland ihnen und uns ein Heim zu schaffen, in dem diese Werte dem einwandernden Ostjuden lebendig bleiben und uns lebendig werden können. Die ostjüdischen Kinder werden von uns die „Freude am Schauen", die Freude an der Sonne und an den Blumen, Liebe zur Schönheit und Geradheit lernen, wir von den Ostjuden Reste religiöser Innerlichkeit und die in der jüdischen Vergangenheit entstandenen Werte. Eine jüdische Volkskultur in Deutschland, von einer intellektuellen Oberschicht gepflegt, wird stets ein künstliches, nicht ganz wahres, rein intellektuelles Erzeugnis sein, solange wir nicht an der Quelle schöpfen und diese Volkskultur in .Gemeinschaft mit ihren wirklichen Trägern erleben. Ein jiddisches Volkslied, von einer deutschen Konzertsängerin übermittelt, von Studenten an der Biertafel, von deutschen Jungen in einem deutschen Walde gesungen, läßt uns nicht einmal die jüdische Seele ahnen, aus der das Volkslied erwachsen ist, läßt uns nicht warm werden an der schlichten Innigkeit, die das Volkslied birgt. Es wird bei uns leicht zur sentimentalen Maskerade werden. — Wir wollen zu den Menschen gehen, die allein ein jüdisches Lied singen können, weii Melodie und Inhalt noch selbstverständlicher Ausdruck ihrer Seele ist. Nicht anders isfs mit der Sprache. Die jüdischen Sprachen werden im Golus nur lebendig werden auf einem Boden, wo der Hauch von einem Volke zu spüren ist, wo Sitte und Vergangenheit lebendiger Bestandteil unseres Lebens wird, und wo die sich zusammenfindende Gemeinschaft eine jedem Volke zukommende soziologische Struktur trägt, eine Gemeinschaft von Arbeitern, Handwerkern, Studenten, Kaufleuten, Frauen und Kindern. Als ein solches nationales Gemeinwesen wird die jüdische Siedlung in Deutschland die liebevollste Pflegestätte jüdischer Volksmusik und der jüdischen Sprache werden. Und dann unsere Feste: sie sind nicht denkbar, ohne daß in diesen Stunden die Welle erhöhten freudigen Lebensgefühls alle erfaßt, den Reichen, die Kinder und den armen Mann. Wir wollen als Nationalisten nicht mehr wie bisher in diesem kalten luftleeren Raum leben, sondern wollen Boden unter unseren Füßen haben, wenn dieser Boden vorläufig auch nur ein Haus ist mit einer jüdischen Fahne darauf, ein Ort, wo jüdische Vergangenheit und jüdisch-deutscher Geist lebendige Syn-

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