Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Jüdische Volksarbeit
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 109 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Volksarbeit 109 eigenen Körpers empfinden und die sich nun zur Hilfe verpflichtet fühlen. Gebt uns junge Menschen, die nicht von dem Wahne befallen sind, Massen bewegen zu müssen, und die eine Tat nicht allein nach dem Umfange werten, auf den sich die Wirkung der Tat erstreckt, sondern nach der Unbedingtheit, in der sie geschieht. 4- Die vielseitige Arbeit des Siedlungsheims ist nur durch eine gut funktionierende Arbeitsteilung innerhalb der zionistischen Akademikerschaft möglich. Jeder muß seinen Fähigkeiten gemäß arbeiten. Einem fertigen Mediziner wird man die gesundheitlichen Angelegenheiten anvertrauen, einem Juristen die Rechtsangelegenheiten. Gewiß würde ein Jurist oder Mediziner gern ein Semester lang einige Stunden in der Woche für diese Aufgaben anwenden, an denen sie Sprechstunden im Heim abhalten können. Die Mutter mit ihrem kranken Kind wendet sich in New York zuerst an das Settlement ihres Stadtviertels, wo ihr Ratschläge gegeben werden oder nötigenfalls für die Aufnahme in ein Krankenhaus Sorge getragen wird. Der Arbeiter, der eine Rechtsauskunft sucht, wendet sich zuerst vertrauensvoll an das Settlement, wo ihm alles Erforderliche mitgeteilt wird. Die jetzt durch den Krieg erworbenen Kenntnisse in der Krankenpflege könnten die jüdischen Mädchen in den Dienst unserer Sache stellen. Durch Besuche in den Familien, durch Aufklärung über die so wichtige Säuglingsernährung, durch kostenlose Krankenpflege usw. würde sich eine Frau bald das Vertrauen der zum Siedlungsheim gehörigen Familien verschaffen; (Es ist rührend zu sehen, mit welchen Mitteln die englischen und amerikanischen sozial arbeitenden Frauen sich das Vertrauen der Arbeiterfamilien zu erwerben suchten. Sie erbaten von den Hauseigentümern das Recht, die Miete einkassieren zu dürfen, und bei diesen Gelegenheiten knüpften sie Freundschaft mit den Arbeiterfrauen an.) Wenn jeder Zionist gemäß seinen Fähigkeiten mitarbeitet, wird durch eine so organisierte soziale Tätigkeit das jüdische Siedlungsheim ein wirklicher Faktor im jüdischen Volksleben werden. Von diesen Zentren, die der sozialen Arbeit, der geistigen und körperlichen Regeneration des Volkes dienen, werden wir unsere in der sozialen Arbeit ausgebildeten Helfer und Helferinnen nach dem Osten schicken, und diese werden dort ihre hier gesammelten Erfahrungen zur Schaffung neuer Settlements verwenden und die Idee der jüdischen Siedlung in die akademische Jugend Polens und Österreichs tragen. Lodz und Warschau sind von Berlin nicht viel weiter entfernt als die süddeutschen Universitätsstädte. Die Aufgaben, die die sozial arbeitende deutsch-jüdische Siedlung im Osten zu erfüllen hat, sind ungeheuer. Hier eröffnet sich ein weites, herrliches Betätigungsfeld*). Bei der Settlementarbett v. ird die glänzend organisierte und disziplinierte jüdischdeutsche Studentenschaft die Feuerprobe bestehen. Ein Beispiel: Auf Anordnung der Korporation haben sich zwanzig Bundesbrüder in den Ferien auf vier Monate nach Breslau, Lodz oder Warschau zu begeben, um in Gemeinschaft mit den dort lebenden Studenten ein Siedlungsheim zu eröffnen. Durch diese Organisation ist es denkbar, daß nach etlichen Jahren jedes Viertel einer, mit jüdischem Proletariat *) Über die kulturelle Bedeutung der deutsch-jüdischen Siedlungen im Osten siehe Alfred Lemms Aufsatz in der „Tat", Februamummer.