Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Jüdische Volksarbeit
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 111 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Volksarbeit III these werden und wo wir all das in das Volk hineintragen können, was an Wahrheit und an Volksliebe in uns ist. Die Siedlungen, aus der Gemeinschaft der Menschen hervorgegangen, die aus Liebe zu den Brüdern in den Ostjudenstraßen wohnen, um zu helfen, werden zu Kolonien neujüdischen Geistes in Deutschland und später im Osten werden, mit eigener Sprache, eigenen Festen — und später vielleicht auch, wie in Amerika, mit einer eigenen Schule. Dann wird das Settlement zum Beth Am, zum Volkshause, werden. Eine Wiederholung des geschichtlichen Zerstreuungsprozesses in umgekehrter Folge und im kleinen: die Rückwanderung nach dem Heimatlande wird auf demselben Wege erfolgen, wie die Zerstreuung begonnen hat: durch Schaffung nationaler Kolonien im Golus. 6. In einer jüdisch-sozialen Arbeitsgemeinschaft werden zweierlei Menschen zusammenkommen. „Wir wollen die Vervollkommnung unseres Volkes, und all die Hilfe an unseren Volksgenossen ist Stufe auf dem Wege zur Vollendung der Nation," sagen die einen. „Wir wollen die Welt erlösen," sagen leise die anderen. Den ersten ist der Angriffspunkt das Volk, und ihre Zeit ist die Zukunft, den zweiten ist die Welt der Angriffspunkt, und die Ewigkeit ist ihre Zeit. Die Brücke schließlich, die eine dritte Art, besonders die Frauen, zur Welt, zur Hilfe an der Menschheit führt, wird nicht der Nationalgedanke und nicht Gott sein, sondern schlechthin die Liebe, das Gefühl, welches Franz Werfel einmal „Gütigkeit, ach gute, große Gütigkeit" nennt. Es ist bereits oben erwähnt worden, daß die Settlementidee Wertvolles nur in sozialen Arbeitsgemeinschaften geschaffen hat, deren Anhänger von einem religiösen Gedanken durchdrungen waren. Wir wissen heute noch nicht, ob die nationale Idee allein die Triebkräfte in uns freimachen kann, die uns zur sozialen Arbeit, zum Mitleben und Mitleiden verpflichten. Eines aber wissen wir aus Vergangenheit und Gegenwart, daß vor allem der Mensch sich restlos dem Menschen wird hingeben können, in dem die Religiosität der Tat wieder lebendig geworden ist, in dem „alles Tun in eines gebunden und das unendliche Leben in jeder Tat getragen" wird. Erst wenn wir wieder jede Handlung und jedes Opfer, das wir bringen, zum Gottesdienst, zur Aboda, erheben können, erst wenn „all unsere Gebärden und Geschäfte und Reden Spuren ziehen in der oberen Welt", wird die Liebe über uns kommen, ohne die wir die wahre Hilfe an den Menschen uns nicht denken können. „Lieben heißt: das Bedürfnis des anderen als ein eigenes fühlen und dennoch auch der eigenen Fülle gewahr werden, sie helfend auszuteilen." Aboda, welche jede im Dienste einer ewigen Idee vollbrachte Tat heiligt, Schiflut, die Demut, die Liebe, welche aus dem Gefühl des Einsseins mit der Welt entspringt, und Kawwana, die dem Handeln als Ziel die Welterlösimg setzt und die uns aus der tiefen Verantwortung kommt, die wir Juden der Welt und den Menschen gegenüber fühlen: diese drei, dem Chassidismus entlehnten und von Martin Buber zu neuem Leben erweckten Begriffe mögen einst der jüdisch-sozialen Arbeit die Richtung und den Sinn geben« Berlin Salomon Lehnert