Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Jüdische Volksarbeit
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 108 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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xo8 Salomon Lehnert: der von einer Gemeinschaft unternommenen sozialen Arbeit drohen: vor dem Aufgehen im Kleinen, vor dem Übergang zur erstarrten Wohltätigkeitsorganisation, vor der den Geist überwuchernden Technik. 3- Der nationaljüdische Akademiker oder Kaufmann in Deutschland lebt in einer der Masse seines Volkes entfremdeten Gesellschaftsschicht, Da er von dem starken Strom jüdischen Volkslebens abgeschnitten und ohne Verbindung mit den Hauptbestandteilen des Volkskörpers ist, bleibt sein Nationalgefühl ein Klassengefühl, solange er nicht die Mauer einreißt, die ihn von der Masse seines Volkes trennt. Wie kann der westjüdische Akademiker Kompetenz in Judenfragen beanspruchen, ohne eine andere Kenntnis von seinem Volke zu haben als aus Büchern und Statistiken? Kein Nationalist der Welt kennt das Wesen und Leben der Masse seines Volkes so wenig, wie der jüdische Nationalist in Deutschland. Kennt er doch meist nur einen ziemlich beschränkten jüdischen Kreis, dessen jüdische Eigenarten meist durch die gute soziale Lage abgewaschen worden sind. Nur in der Beschäftigung mit den Ostjuden kann er eine Vorstellung von dem Wesen der jüdischen Masse erhalten, was zum kulturellen und politischen Verständnis des Zionismus unbedingt erforderlich ist. Der subjektive Wert der Siedlung ist ebenso groß wie der objektive. Neben dem Verständnis für die jüdische Masse erhält die jüdische Studentenschaft durch die Arbeit in der Siedlung eine nationale Schulung, wo es darauf ankommt, die eigenen Interessen und Vorteile zurückzustellen, und seine Persönlichkeit ganz der Arbeit für sein Volk zu widmen. Die soziale Arbeit an den Volksgenossen, die aktive Mitarbeit an dem Wiederaufbau unseres Volkes muß unsere zionistische Studentenschaft von Grund aus umgestalten. Das durch und durch unjugendliche Leben der zionistischen Studenten muß ein Ende haben. Denn dem Wesen der akademischen Jugend entspricht die Tat, das aktive Eingreifen, nicht das Diskutieren. Das Lesen der Parteiblätter, die Keilbesuche bei Kommilitonen sind noch keine Vorbereitung für Palästina, wohl aber das Leben in der Siedlung, wo Willenskraft, Selbstverleugnung und Geduld auf eine harte Probe gestellt werden. Die jüdisch-soziale Arbeit möge uns nationalen Studenten die Reinheit der Tat wiedergeben, die wir, in dem Wahne, als nationale Studenten Politiker sein zu müssen, zum Teil verloren haben. Die Forderung, aus der national gesinnten jüdischen Jugend „durchgebildete, geschulte Zionistenführer" zu machen, die jederzeit imstande sind, sofort auf Anfragen Auskunft zu geben über alle einschlägigen Organisationen, über die Lösung der Judenfrage (kurz, Menschen, die man als Repräsentanten des Zionismus in der besten Gesellschaft auftreten lassen kann), diese Forderung schafft innerhalb der Studentenschaft schon frühzeitig den nationalen, zufriedenen und kalten Bourgeois, der bei keiner Versammlung versäumt, den Zionismus zu beweisen, und in dessen Seele dennoch nichts ist, was uns an die heiße, jugendliche Hingabe in anderen jungen Bewegungen erinnert. Gebt doch dem Judentum weniger „durchgebildete, geschulte Zionisten" und weniger Agitatoren, dafür aber mehr jüdische Menschen, die all die Häßlichkeit und Geistlosigkeit, die sich im Volke breit gemacht hat, wie eine Krankheit ihres