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Der Jude · 1916-05-01 · Heft 2 (Mai 1916) · p. 107

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 2 (Mai 1916)
Article
Jüdische Volksarbeit
Date
1916-05-01
Page
107 (sequence 4)
Language
German
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Jüdische Vo!ksarbeit io7 In der Überzeugung, daß eine nationale Erneuerung des Judentums nur in einer menschlich hochstehenden Masse Wurzel fassen kann, halten wir die soziale Arbeit, die tätige Hilfe an dem Wiederaufbau unseres Volkes für die wesentlichste, dem Geiste einer national gesinnten Jugend besonders entsprechende Aufgabe der jüdischen Studentenschaft Ohne ein starkes Golus-Judentum, dessen ethisches Niveau ein wahrhaft nationales Handeln ermöglicht, werden wir eine reine Verwirklichung unserer zionistischen Idee nicht erreichen können. Es kann sich also bei unserer Arbeit nicht allein um die Schaffung einer sich zum nationalen Programm bekennenden Judenschaft handeln, sondern einer jungen Generation, in der die Erneuerung den ganzen Menschen erfaßt und zur „Verbesserung der Herzen" im Sinne Achad Haams führt Wir dürfen nicht mehr tatenlos zusehen, wie die Kinder des jüdischen Großstadtproletariats zu Menschen heranwachsen, bei deren Anblick uns selbst zuweilen der Glaube an unser Volk erschüttert wird. Der Gedanke, daß von uns nationalen Studenten die Entstehung einer neuen Proletariergeneration abhängt, muß uns von der Betrachtungsweise der Assimilanten trennen, die diese Menschen mit Scham und Verachtung ansehen. Auf uns kommt es an, wie lange es noch den widerlichen Typ des jüdischen Konfektionsgehilfen geben wird. Schaffen wir diesen Menschen von früh auf eine feste Lebensrichtung, suchen sie für das Schöne und das Gute empfänglich zu machen und helfen durch körperliche Schulung ihre Willenskraft stählen, so sind wir überzeugt, daß eine andere jüdische Großstadtgeneration entstehen wird. 2. Die Arbeit im Settlement ist dem Helfer nicht „etwas eigens Anberaumtes, zur bestimmten Stunde zu Erledigendes"*), ist keine Arbeit von Wohltätigkeitsbeamten, die zu bestimmten Dienststunden aus einer anderen Welt kommen, um sich zu betätigen. Man hat sich das Vertrauen des Proletariats durch gemeinsames Zusammenleben in der Straße und im Settlement erworben, und nur dieses Miteinanderleben ermöglicht die Hilfe, die die Settlementarbeit von jeder anderen Philanthropie unterscheidet, die Hilfe, die der Freund dem Freunde zuteil werden läßt. Werner Picht faßt das Wesentliche der Settlementarbeit in den Worten zusammen: Du wirst so viel bei der sozialen Arbeit leisten als du zu leiden imstande bist. Nur der Mensch wird imstande sein zu leiden, der von einer Idee beherrscht wird, um derentwillen er leidet Und so ist es nicht verwunderlich, daß nur die religiösen Settlements in England die Ernsthaftigkeit der Arbeit sich bewahrt, während die keiner Mission dienenden die Erwartungen, die man bei ihrer Gründung hegte, nicht erfüllt haben. In der jüdischen Siedlung wird die treibende, alle Helfenden umfassende Einheitsidee, um deretwillen jede Tat getan, jede Entbehrung freudig geduldet wird, der nationale Gedanke sein und die Sehnsucht nach Vervollkommnung des Volkes. Die Vorbedingung eines solchen Sichhingebenkönnens an die Menschen ist das in uns Juden wohnende Verantwortlichkeitsgefühl für das Volk, für die Welt, und dieses, vereint mit einer großen Liebe zu den Volksgenossen, wird immer neuer Antrieb unserer Arbeit sein und wird sie vor den Gefahren schützen, die nur zu oft *) Ernst J08I, Die Jugend vor der sozialen Frage,

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