Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Grundsätzliches zur zionistischen Gegenwartsarbeit
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 103 (sequence 4)
- Language
- German
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Grundsätzliches zur zionistischen Gegenwartsarbeit 103 nalen Daseins darstellt. So wird Palästina eine Heimstätte für das jüdische Volk auch dann, wenn wir unter Volk Volkstum, Gemeinsinn, Gemeinschaftsbewußtsein verstehen. Wir müssen aber endlich auch lernen, daß ein jüdisches Gemeinschaftsbewußtsein in der Diaspora, wenn es nicht existiert, auch von Palästina nicht wird gestützt werden können, und daß die ganze Ideologie vom nationalen Zentrum in Palästina sinnlos wird, wenn nicht in der Diaspora selbst das Judentum nach und nach alle Lebensinteressen des Einzelnen umfaßt und durchdringt» Wir wissen aber, daß nicht nur das Galuth auf die Einwirkung Palästinas wird vorbereitet werden müssen, sondern daß Palästina selbst nur Schritt für Schritt wird dem jüdischen Leben verarbeitet werden können. Darum ist es von größter Bedeutung, daß die friedlichen Arbeiter, die wir nach Palästina entsenden, möglichst gute Fähigkeiten mitbringen. Die wichtigste wird aber die sein, sich in eine Gemeinschaft einzufügen wissen, welche sich nicht erlauben kann, auch nur einen geringen Teil der Kräfte den Reibungen zwischen ihren einzelnen Teilen zum Opfer zu bringen. So hat man sich mit einem sehr scharfen Blick zur Zeit Herzls weniger der Zahl der Ansiedler gerühmt als z. B. der Tatsache, daß man in den palästinensischen Siedlungen gar keine Polizei brauche u. ä. D. Nur hätte man sich nicht mit solchen optimistischen Feststellungen begnügen dürfen, sondern den Gemeinsinn systematisch sichern und ausbauen sollen. Dafür gibt es aber keine großzügigeren Mittel als die Gewöhnung des Diasporajudentums an die lebendige Einfügung in eine jüdische Gemeinschaft, da ja aus ihm zum größten Teile, soweit nicht Palästina selbst sie liefern wird, die Stützen des zukünftigen Palästina werden genommen werden müssen. Die zwei gestreiften Beziehungen zwischen der Diaspora und Palästina, zu denen in der bunten Fülle der Wirklichkeit eine Menge anderer tritt, machen wohl den Gedanken verständlich, daß der Charter und jede äußere Sicherung ersetzt sein wird, sobald die ganze jüdische Gemeinschaft, Palästina und die Diaspora, von einem lebendigen Einheitsbewußtsein wird erfaßt werden» Nichts wird einer lebendigen, ihrer selbst bewußten Judenheit ein Zentrum zu entwinden imstande sein, das sie in ihren Daseinskämpfen als unentbehrlich kennen gelernt hat. Wird aber der Zionismus im obigen Sinne das ganze jüdische Leben umfaßt haben, dann wird auch derjenige Zionist, bei dem eine theoretische Beziehung aus seiner ganzen übrigen Lebensführung herausfallen würde, zum Zionismus eine engere Beziehung als die der bloßen Geldbeiträge haben. Und die Studenten, welche nicht selbst nach Palästina gehen, werden sich nicht damit begnügen müssen, Argumente für die Agitation zu finden und einzulernen (wie früher) oder aus theoretischen Erwägungen das Bewußtsein der Volkseinheit zu ziehen (wie in letzter Zeit). Sie werden an dem vielgestaltigen Leben der neu erwachenden Gemeinschaft mitarbeiten, die alle einem Juden wichtigen Lebensgebiete umfassen wird, soweit sie nicht unentwirrbar mit den nichtjüdischen Gesellschaften verquickt sind (was bei näherem Zusehen wirklich nur bei einem Teil derselben der Fall ist). Es gibt zwei Arten von Nationalismus. Ein formaler Nationalismus ist der, dem es nur auf äußere Unterscheidungsmerkmale ankommt, von denen er glaubt, daß sie mehr oder weniger von selbst den Inhalt hervorbringen werden. Ein wesenhafter Nationalismus ist der, dem es auf Verbundenheit der wirklichen Lebensbeziehungen ankommt, welche die äußeren Unterscheidungsformen mehr oder