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Der Jude · 1916-05-01 · Heft 2 (Mai 1916) · p. 102

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 2 (Mai 1916)
Article
Grundsätzliches zur zionistischen Gegenwartsarbeit
Date
1916-05-01
Page
102 (sequence 3)
Language
German
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102 Oskar Epstein: der Wohltätigkeit, von der das, was wir hier verlangen, sich grundsätzlich unterscheiden muß. Nicht aus Barmherzigkeit soll das Interesse der Hilfsbedürftigen zum Interesse der übrigen gemacht werden, sondern aus Solidarität. Max Brod sieht in der Solidarität aller Menschen, zunächst aber aller Angehörigen einer historisch gewordenen Gemeinschaft, für jeden Einzelnen, der ihr angehört, das Wesen aller höheren Entwicklung« (Weiße Blätter, April 1914, Vom neuen Irrationalismus.) So kommt auch er zu einer Vereinigung von Gemeinsinn und wohlverstandenem Interesse des Einzelnen. Ja, bei ihm erfahren wir auch, was denn im wohlverstandenen Interesse des Einzelnen liege, was also auch die Grundlage jeder wesenhaften menschlichen Gemeinschaft ausmacht. Er sagt (a. a. O, S. 10): „In der Pflicht ist nicht nur das Postulat enthalten, selbst ein Unbedingter zu sein, sondern auch alle andern in den Stand zu setzen, unbedingt zu leben." Zunächst wird damit gesagt, daß die Pflicht des Menschen gegenüber seinen Mitmenschen nicht darin besteht, sentimental jedem seiner Wünsche nachzukommen, sondern darin, ihn in den Stand zu setzen, unbedingt zu leben. Nur das soll dem Menschen verschafft werden — wenn er sich's trotz gutem Willen nicht selbst verschaffen kann —was er haben muß, um seine Anlagen ungehindert betätigen zu können. Das muß ihm aber ohne die geringste Demütigung zuteil werden; denn wenn dies nicht der Fall ist, setzen wir ihn sicher nicht in den Stand, „unbedingt zu leben", seine Anlagen ungehindert zu betätigen, denn wir töten in ihm eine der wichtigsten Anlagen, die Selbstachtung und Würde, ohne die niemand etwas Rechtes leisten kann. Ich glaube, daß wir aus diesen Gedanken auch eine klare Methode der Gegenwartsarbeit werden ableiten können. Jedenfalls bietet mir jener Satz die klarste Formulierung meiner Auffassung der Grundsätze der Gegenwartsarbeit, Ihnen entsprechend müßte sich eine zionistische Gegenwartsarbeit ähnlich zur üblichen jüdischen Wohltätigkeit verhalten, wie das zionistische Kolonisationssystem in Palästina zum System der Philanthropie. Im besonderen darauf einzugehen, ist aber nicht Sache dieser Betrachtung, die den Grundsätzen der Gegenwartsarbeit gewidmet ist. Und zugleich zeigt uns der Ausspruch Brods die ganze Tragweite dieser richtig erfaßten Gegenwartsarbeit. Die sittliche Höhe des Einzelnen ist in höchstem Grade abhängig von der seiner Mitmenschen, besonders der Angehörigen seiner Gemeinschaft. Dagegen bedeutet die Ablösung von ihnen, die Vereinzelung zugleich eine Schädigung des Einzelnen und der Gesamtheit. Sie ist zugleich individuell unsittlich und antinational. Denn wer tatenlos zusieht, wie am Genossen der Gemeinschaft Kernhaftes zugrunde geht, der wird selbst schlecht. Die Gemeinschaft schädigt er aber nicht nur in zweien ihrer Mitglieder, sondern auch dadurch, daß er anderen das böse Beispiel so verhängnisvoller Vereinzelung gibt. Aus alledem ersehen wir, daß von wesenhaftem Nationalismus eine Solidarität unzertrennlich ist, die eine nach Ort und Zeit gegenwärtige, unermüdliche Arbeit unter den Volksgenossen und für sie voraussetzt. Doch wird sich dann wohl die Frage erheben, ob das dann außerhalb Palästinas überhaupt möglich sei. Natürlich ist eine Festigung und Höherentwicklung der jüdischen Gemeinschaft nur mit Hilfe eines palästinensischen Zentrums möglich. Der wichtigste Zusammenhang zwischen Palästina und der Gegenwartsarbeit außerhalb Palästinas wird der sein, daß je mehr diese fortschreitet, wir desto sinnfälliger erkennen werden, daß Palästina uns einen unentbehrlichen Schutz in den Stürmen unseres immer und überall bedrohten natio-

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