Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Grundsätzliches zur zionistischen Gegenwartsarbeit
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 101 (sequence 2)
- Language
- German
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Grundsatzliches zur zionistischen Gegenwartsarbeit 10X und französische Offiziere gebe. Der Zionist dürfe also nur nicht verleugnen, daß er es sei, was bei der geringen lokalen Bedeutung der zionistischen Gruppe nicht weiter übel genommen wurde, und könne dann froh sein, von den Nichtjuden Wertvolles zu lernen, um es einmal für sein Volk zu verwenden. Diese Auffassung traf meines Erachtens nicht den Kern der Sache, obwohl ich nicht sagen möchte, daß sie ganz von der Hand zu weisen sei. Die bürgerlichen Zionisten sträubten sich ganz einfach deshalb gegen diese Forderung, weil die zionistischen Vereine in ihrer Betätigung nicht umfassend genug waren. Konnte man von jedem Zionisten verlangen, daß er seine Berufsinteressen aufgebe? Zumindest aber die Hälfte der Berufsorganisationen ist heute national, nur jüdische gibt es im Westen so gut wie gar nicht. Man hatte doch auch Bildungs-, Kulturinteressen. Selbst die Schule, in die man seine Kinder schickte, wurde von Tag zu Tag nationaler. Das einzige Gebiet, das nicht formal nationaljüdisch war und doch gepflegt wurde, war eine gewisse Geselligkeit, die aber beim Fehlen aller übrigen Lebensäußerungen einer jüdischen Gemeinschaft meist sehr rasch der furchtbarsten Öde anheimfiel. Und doch könnte schon die Tatsache, daß andere Völker im Rahmen nationaler Organisationen dergleichen Bedürfnisse befriedigen, uns lehren, daß sie wesentliche Teile des nationalen Lebens sind. In diesem Sinne meint Fichte, daß die Gemeinschaft auf dem wohlverstandenen Interesse des Einzelnen beruhe. Und bei Hugo Bergmann (Das zionistische Problem bei Micha Josef Berdyczewski, Herzlnummer der „Welt" 1914) heißt es unter anderem: „Wir sind Juden durch nichts anderes als dadurch, daß wir Menschen des jüdischen Volkes sind, und unser Menschentum ist unser Judentum." Der ganze genannte Artikel ist eigentlich diesem Gedanken gewidmet. Andere glauben ähnlich, daß die Sorge um die allgemeinen Bedürfnisse des einzelnen das Niveau des Nationalen mächtig hebe. Durch sie wird eben der rein formale Nationalismus, dem nur die äußeren Unterschiedsmerkmale wichtig sind, zum wirklichen Leben. So sagt Paul Weisengrün, „Die Erlösung vom Individualismus und Sozialismus" (München 1914): „Entwicklung der Menschheit, Veredelung und Vervollkommnung des Geschlechtslebens, Verfeinerung und Umformung der Religion" (der Verfasser des Aufsatzes fügt hinzu: Verbesserung der Erwerbs- und überhaupt der ökonomischen Verhältnisse, Vervollkommnung der Erziehung usw.) „heben die bunte Mannigfaltigkeit des nationalen Lebens nicht auf, und vollends in der Gegenwart sehen wir, daß trotz der ungeheuren Nivellierungsarbeit des Kapitalismus, der wie ein einziger gewaltiger Dampfhammer individuelle Sitte zerschlägt, das nationale Leben sich verfeinert, nuanciert und durch glückliche Verbindung und Synthese mit dem Sozialen nur noch an innerer Stärke gewinnt." Diese Vereinigung von Sozialem und Nationalem wurde aus historischen Gründen unter den Zionisten der Diaspora bis jetzt nicht verwirklicht. Das Nationale war fast immer etwas neben den Interessen des Einzelnen Einherlaufendes und daher formal und leer. Die Zionisten traten, wenn sie ihre Berufsarbeit verließen, um zionistische Arbeit zu leisten, wie in eine andere Welt. Es ist aber die höchste Zeit, sich klar zu werden, daß wir auch in der Diaspora den Nationalismus aus dem Leben des Einzelnen nicht herausreißen dürfen. Nun besteht hier freilich eine große Gefahr. Auch vor dem Zionismus kümmerte man sich in einer gewissen Weise um die Interessen des Einzelnen im Judentum. Aber es geschah in der bekannten Form