Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Jüdische Positionen in Palästina
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 98 (sequence 6)
- Language
- German
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98 Adolf Böhm: werden, nimmt von Jahr zu Jahr zu, der Jüdische Nationalfonds gibt der Bank größere Darlehen für langfristige Kredite. Die Frage der Agrarbank wird nicht nur studiert, sondern die Vorarbeiten so weit geführt, daß nach der im Zuge befindlichen Modernisierung des Hypothekenrechts in der Türkei die Gründung erfolgen können wird« Diese Aufzählung nur der wichtigsten zionistischen Leistungen (die verschiedenen Gründungen nichtzionistischer Institutionen, die weder zahlreich, noch von Bedeutung sind, wurden nicht angeführt) im Zeitraum von 1908 bis 1914, mag dem, der ihr Werden verfolgt hat, nichts Neues sagen, aber ihre gedrängte Aneinanderreihung muß selbst den informierten Zionisten darüber in Erstaunen setzen, daß es möglich war, so vieles in sechs Jahren zu schaffen. Erklärbar ist dies nicht durch die Höhe der aufgewendeten Mittel — einige wenige Millionen — sondern nur durch die Wandlung des Geistes, die in Palästina durch die Berührung mit den neuzionistischen Ideen vor sich gegangen ist. In früherer Zeit waren, so merkwürdig es klingt, zionistische Bewegung und Palästinakolonisation zwei getrennte Dinge» Die Bewegung nannte in Palästina sehr wenig ihr eigen — nur die Bank hatte im Lande Fuß gefaßt —, sie wollte erst Kräfte, Mittel und Rechtstitel sammeln, so daß man in Palästina eher Spott für die landfremde Bewegung hatte, als von ihr etwas erwartete. Die Dinge in Palästina kamen auf einen toten Punkt, andererseits war auch die Bewegung nahe daran, in Stagnation zu verfallen. Da kam der große Umschwung: die Bewegung ward nach harten inneren Kämpfen zur praktischen Arbeit geführt, Palästina und Zionismus berührten sich; der Zionismus empfing durch die Fülle der Aufgaben, die ihm erwuchsen, und durch den Kontakt mit einem lebendigen Volljudentum frische Antriebe, und Palästina erfuhr zum erstenmal die schöpferische Kraft der modernen zionistischen Idee, die an Intensität des Wünschens und Hoffens der romantischen, die von ihr abgelöst worden war, nichts nachgibt, aber mit dem ganzen Rüstzeug der modernen Prinzipien und Methoden in die Praxis umgesetzt wird. Wo stehen wir heute? Die Periode des Weltkriegs, von der wir nicht wissen, wie lange sie dauern und was sie hinterlassen wird, müssen wir aus unserer Betrachtung ausschalten und annehmen, daß es möglich sein wird, in Palästina wenig* stens das Bestehende zu erhalten. Diese Annahme ist nicht unbegründet, da nach bald zwei Jahre langem Krieg keine der Schöpfungen des Zionismus vernichtet ist, was unseren Glauben, daß das jüdische Palästinawerk nicht auf Sand gebaut ist, nur bestärken muß. Der Krieg hat gewiß auch in Palästina sehr viel Schaden gestiftet, zumal unglücklicherweise gleichzeitig eine zweite Plage — ein Heuschreckeneinfall — das Land schwer heimgesucht hat. Aber der Krieg hat auch offenbart, wie hilfsbereit die Gesamtjudenheit für Palästina ist, wieviel Gemeinsinn und . Organisationsgabe in den Ansiedlern, vor allem den Arbeitern, steckt und wie wichtig die Eigenversorgung des Landes ist —■ die Pflanzungskoloriien Judäas haben mehr gelitten als die ackerbautreibenden Galiläas und die Farmen des Jüdischen Nationalfonds konnten durch ihr Getreide dem Ärgsten steuern —; die politischen Aussichten, die nach dem Kriege vorhanden sein werden, zu erörtern, verbietet sich heute von selbst. Immerhin ist die zionistische Organisation der einzige interterritoriale politische Verband, der während des Weltkriegs aufrecht geblieben ist. In