Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Jüdische Positionen in Palästina
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 96 (sequence 4)
- Language
- German
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96 Adolf Böhm: eine vorbildliche Viehhaltung mit Milchwirtschaft und Futterbau eingerichtet, Prämien für Garten- und Gemüsebau gestiftet und gleichzeitig durch Beihilfe des Nationalfonds die Errichtung einer landwirtschaftlichen Versuchsstation bei Atlit gefördert. Das wichtigste Problem der jüdischen Siedlung, die nur durch „jüdische Arbeit auf jüdischem Boden" fest verankert werden kann: die Arbeiterfrage, wird nicht nur nach allen Richtungen studiert, sondern in praktischer Form zur Lösung zu bringen versucht* Der Jüdische Nationalfonds übernimmt die Fürsorge für Arbeiterheimstätten und errichtet solche in großer Zahl, wodurch namentlich die zahlreich einwandernden jemenitischen Juden, die durch ihre Angepaßtheit an die Landesverhältnisse ein besonders wertvolles Material darstellen, zur Seßhaftigkeit gebracht werden. Eine Organisation jüdischer Wächter entsteht, die den Kolonien mutige Jünglinge zur Bewachung stellt» Auf den Farmen des Nationalfonds erhalten Hunderte von ostjüdischen Proletariern ihre landwirtschaftliche Ausbildung. Manche von ihnen gehen in die alten Kolonien, bilden dort ein belebendes Element und verstärken ihren jüdischen Charakter. Die Landarbeiter der Distrikte organisieren sich in Verbänden, halten regelmäßige Versammlungen ab und geben zwei hebräische Zeitschriften heraus, von denen besonders eine (Hapoel Hazair) sich um die fachliche Erörterung der Kolonisationsprobleme sehr verdient macht. Am brennendsten wird in den Arbeiterzirkeln die Frage diskutiert, wie der besitzlose Arbeiter allmählich zur Selbständigkeit aufsteigen kann. Ohne die Möglichkeiten für einen solchen Aufstieg zu schaffen, wird es kaum gelingen, in größerem Umfang das Postulat der Nationalisierung der Arbeit durchzuführen, denn den ostjüdischen Proletarier kann die Aussicht, Zeit seines Lebens ländlicher Lohnarbeiter in Palästina zu bleiben, nicht locken. Der Bedeutung der Frage entsprechend wird ihr von der zionistischen Leitung (insbesondere von jener des Nationalfonds) die gebührende Aufmerksamkeit zugewendet. Zuerst dachte man an Gewinnbeteiligung in den Farmen, damit der Arbeiter etwas ersparen und mit der Zeit zum Pächter werden könne. Doch zeigte es sich bald, daß in den ersten Jahren des Betriebes keine Farm Überschüsse geben kann und später die Gewinnberechnung auf unsicherer Basis ruht. Mehr und mehr wenden sich die Arbeiter der Idee der Genossenschaften zu. Es bilden sich Gruppen, welche die in Palästina so schwierige erste Okkupation des gekauften Bodens übernehmen und damit eine der Hauptschwierigkeiten der Kolonisation beseitigen. Tatsächlich haben diese Okkupationsgenossenschaften alle von der P. L. D. C. gekauften Terrains okkupiert und urbar gemacht. Andere Genossenschaften übernehmen den Pachtbetrieb von Nationalfonds-Boden, so z. B. jene in Dagania, die mit besonders gutem Erfolg wirtschaftet. Die zionistische Organisation beschließt die Gründung eines Genossenschaftsfonds, der auch andere Genossenschaften durch Ausstattung mit Betriebsmitteln befähigen soll, die von ihnen okkupierten Terrains in Pacht zu nehmen. Das erste größere Darlehen aus diesem Fonds erhalten die Arbeiter der vom großen Nationalfonds nach Oppenheimerschen Plänen errichteten „Siedlungsgenossenschaft" in Merchawja. In dieser kann schon nach dreijährigem Betrieb das Stadium der Administration verlassen werden und die Arbeitergenossen zeigen sich befähigt, den schwierigen Betrieb allein zu führen. Der Nationalfonds unterstützt auch die Häusler-Kolonisation, die vom „Odessaer Komitee" in mehreren Siedlungen am Rande größerer Kolonien betrieben