Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Jüdische Positionen in Palästina
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 95 (sequence 3)
- Language
- German
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Jüdische Positionen in Palästina 95 liquidierte. Doch wurde dadurch die Gesamtlage wenig geändert, da der Kolonisation weder frisches Blut zugeführt, noch ein neuer Geist eingeflößt wurde. Es sah in Palästina zur Zeit, als die zionistische Organisation den Entschluß faßte, die Politik des Aufspeichems der Kräfte zu verlassen und mit der praktischen Arbeit zu beginnen, nicht sehr ermutigend aus. Vergegenwärtigen wir uns, was in der geradezu winzigen Zeitspanne von 1908 bis zum Ausbruch des Weltkriegs 1914, also in sechs Jahren von ihr geleistet wurde: Im Frühjahr 1908 geht Dr. Ruppin mit seinem getreuen Eckart, Dr. Thon, nach Jaffa urtd eröffnet das Palästina-Amt. Er schafft damit etwas für das zionistische Milieu des Landes durchaus Neues: eine moderne Verwaltungsstelle. Man war bis dahin in Palästina gewohnt, wie in einer Kehilla zu leben, die Fragen der Kolonisation wurden fast wie Familienangelegenheiten eines kleinen Kreises behandelt. Man empfindet die Neuerung als fremdartig, verlangt Sitz und Stimme im Amt, doch die zionistische Leitung erklärt, daß demjenigen, der die Verantwortung trägt, auch die alleinige Entscheidung gebührt. Das Prinzip jeder modernen Verwaltung wird damit ein für allemal etabliert und nicht mehr verlassen. In kurzer Zeit e-wirbt sich das Amt und seine Leiter nicht nur das allgemeine Vertrauen,, sondern auch eine Autorität, wie sie bis dahin in dem Kreise engverbrüderter Menschen noch niemandem zugestanden worden war. Mit allen Vorschlägen kommt man zum Palästinamt, in jeder Streitfrage, insbesondere bei Arbeiterkonflikten, ist es oberstes Schiedsgericht. Nach und nach werden dem Amte, das die Vertretung sämtlicher zionistischer Institutionen und die Verwaltung aller von der Organisation geschaffenen Einrichtungen übernimmt, Fachgruppen angegliedert. Von ihm geht die Initiative zu der nun einsetzenden reichen Tätigkeit der Organisation aus. Zuerst entsteht mit Beihilfe des Jüdischen Nationalfonds die erste moderne jüdische Stadtniederlassung in Palästina, Teil Awiw bei Jaffa. Amt, Bank und Gymnasium übersiedeln dahin, es wird das Zentrum des neujüdischen Lebens Palästinas. Das hebräische Gymnasium, eine durchaus moderne Anstalt, erhält einen stolzen schönen Bau und entwickelt sich aus früher kaum beachteten Anfängen zu einem bedeutungsvollen Institut. Gleichzeitig wird, um die wichtigsten Vorbedingungen jeder weiteren Kolonisation zu schaffen, die Landentwickelungsgesellschaft (The Palestine Land Development Co.) gegründet, deren Aufgabe es ist, die in Palästina so schwierigen Transaktionen bei Kauf, Parzellierung und Okkupation von Grund und Boden durchzuführen und die jüdische Nachfrage nach Land zu zentralisieren. Mit verhältnismäßig geringen Mitteln löst sie ihre Aufgaben, und führt, nach einem jahrzehntelangen Stillstande im Bodenkauf, in wenigen Jahren über 50000 Dunam, teils für Rechnung des Nationalfonds, teils im Auftrag von privaten Käufern in jüdischen Besitz über, wodurch ungefähr zehn neue landwirtschaftliche Stützpunkte in Palästina geschaffen werden, Sie setzt die bis dahin an Araber verpachteten Besitztümer des Jüdischen Nationalfonds als Ausbildungsstätte für Arbeiter in Betrieb, Kinereth und Dagania werden dadurch zu jüdischen Farmen, in Ben Schämen und Hulda werden für die „Baumspende1*, die Pflanzungen angelegt, in Kinereth eine Ausbildungsstätte für Gemüsebau und Geflügelzucht für Mädchen errichtet. Eine Reihe von sachkundigen Agronomen werden angestellt, landwirtschaftliche Kenntnisse in den Kolonien durch Vorträge, Wanderlehrer, Brochüren und eine vorzügliche Fachzeitschrift verbreitet, in Ben Schämen