Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Jüdische Positionen in Palästina
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 94 (sequence 2)
- Language
- German
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94 Adolf Böhm: Umfangs. Auf die Lebens- und Wachstuniskraft, nicht auf die heutige Größe der Siedlung kommt es an, sollen ihre weiteren Aussichten erwogen werden, . Fragen wir daher: Welches sind die Kräfte, die notwendig waren und sind, das Werk zur Bedeutung zu führen? Dazu bedarf es erstens eines gewaltigen, nie versiegenden Antriebs, der immer neue Pioniere nach Palästina führt. Niemand zweifelt an dem Vorhandensein solcher stärkster Antriebe. Waren sie früher nur religiöser Art, so traten in den letzten Jahrzehnten die nationalen, sozialen und wirtschaftlichen hinzu und dies in so steigendem Maße, daß es immer nur nötig war, den Zustrom nach dem Lande, das in seinem heutigen Zustand noch nicht imstande ist, einer Einwanderung größeren Stils Spielraum zu geben, zu bremsen, nicht aber Juden zur Wanderung nach Palästina anzuspornen. Zweitens bedarf es einer Unsumme von organisatorischer und schöpferischer Kraft, um die gestellte Aufgabe zu bewältigen. Daß die Judenheit, die sich heute in einem Zustand progressiver Zersetzung befindet, imstande sein könnte, diese Kraft aufzubringen und in jahrzehntelanger zäher und geduldiger Arbeit zu betätigen, daran zweifeln heute noch vielleicht neun Zehntel der Judenschaft. Diese Zweifel zu bannen, wäre eine Prüfung der zionistischen Leistungen der letzten Jahre in Palästina wohl geeignet. Ihre Kenntnis in weiteste jüdische Kreise zu tragen, muß schon deshalb immer aufs neue versucht werden, weil das Ansiedlungswerk die moralische und materielle Hilfe der Gesamtjudenheit ebensosehr braucht, wie diese zu ihrer inneren Aufrichtung, Wiederbelebung und Befreiung aus einer im tiefsten empfundenen unerträglichen Lage das Palästinazentrum. Insbesondere wird eine Betrachtung dessen, was die von Herzl ausgehende neuzionistische Bewegung, die von großen und modernen Gesichtspunkten geleitet wird, in wenigen Jahren in Palästina geschaffen hat, jeden unbefangenen Beobachter — man konnte dies in den letzten Jahren sowohl bei christlichen Fachleuten, als bei unvoreingenommenen Juden, wie den Amerikanern Oscar Strauß und Morgenthau beobachten — geradezu in frohes Erstaunen versetzen. Die Tätigkeit der zionistischen Organisation in Palästina hat erst im Jahre 1908 eingesetzt. Vorher schon ist ungeheure Arbeit von Juden in Palästina geleistet worden. Welche heroischen Anstrengungen, welches Ringen mit dem Boden, dem Klima, den Feindseligkeiten der Beduinen, der eigenen Armut leuchten aus der Geschichte der Pioniere der achtziger Jahre hervor! Welch redliche Bemühungen und welche Unsummen von Mittel, die freilich meist nicht richtig angewendet wurden, weisen die Jahre der Rothschildschen Administration auf! Doch all diese großen Aufwendungen brachten nichts Lebensfähiges hervor. Das Inventar, das die neuzionistische Periode übernahm, war zwar ein verhältnismäßig großes: zahlreiche stattliche Kolonien, Anfänge des hebräischen Schulwesens, aber es war mit starken Passiven belastet: fast überall arabische Arbeit, ein jahrzehntelanger Stillstand im Bodenkauf, Resignation, ja Verzweiflung der Gemüter, Auswanderung der Jugend. Ruppin hat diesen Zustand als „Überalterung" bezeichnet, aber diese wäre nicht eingetreten, wenn all die große Arbeit im richtigen Geiste geleistet worden wäre. Einige Besserung hatte schon die bloße Kritik der Methoden durch die zionistische Organisation gebracht: die Forderung, die Kolonisten vom Bevormundungssystem der philanthropischen Periode zu befreien und auf eigene Füße zu stellen, hatte bewirkt, daß die „ICA" das Rothschildsche Erbe in diesem Sinne konsolidierte und