Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Aufgaben der polnischen Juden
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 92 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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92 Hillel Zeitlin: Aufgaben der polnischen Juden sonderer Liebe am polnischen Land, an der polnischen Erde. Mit dem polnischen Volk erlebten Juden im Verlauf ihrer langen Geschichte viele Freuden und Leiden. Die Juden müssen daher alle Kräfte aufbieten, um mit dem polnischen Volk friedlich zu leben. Wie vor Feuer müssen sich die Juden in Polen vor jedem wirklichen Unrecht und jedem wirklich unkorrekten Verhalten dem polnischen Volke gegenüber hüten« Dieses Streben nach Frieden darf aber die polnischen Juden nicht davon abhalten, ihre gerechten bürgerlichen und nationalen Rechte zu verteidigen. Es mufi ein Streben nach Brüderlichkeit und Menschlichkeit sein, aber nicht nach Versklavung des Geistes und Verwischung der nationalen Persönlichkeit. Zu der allgemeinen Verteidigung der bürgerlichen und nationalen Rechte der jüdischen Minderheit in Polen gehört auch die der jüdischen Sprache und der jüdischen Kultur überhaupt. Unter „jüdischer Sprache41 verstehe ich die Sprache, die andere „Jargon" nennen. Wenn wir auch die hebräische Sprache als unsere allgemein-nationale Sprache anerkennen, die allen Juden der Welt in allen Ländern und zu allen Zeiten gehört, so müssen wir doch zugeben, daß die Sprache der polnischen Juden als besonderer nationaler Gruppe die jiddische ist. Während es also eine heilige Pflicht jedes polnischen Juden ist, sein Kind gründlich und allseitig Hebräisch erlernen zu lassen und das Studium der hebräischen Sprache und ihrer großen, reichen Literatur in den Schulen nicht bloß eine berechtigte Sache, nicht bloß eine private Angelegenheit, sondern eine obligatorische Pflicht ist, so muß man doch anerkennen, daß die Unterrichtssprache in den meisten jüdischen Schulen Polens — außer denen, die wirklich das Verlangen und die Möglichkeit haben, Hebräisch als Unterrichtssprache einzuführen — die Sprache sein muß, in der die Mehrheit der polnischen Juden redet, fühlt und denkt: die jiddische. * Als ein Teil des ganzen jüdischen Volkes müssen die Juden in Polen zusammengehen mit den Juden der ganzen Welt, die jüdische Religion bewahren, stärken und festigen, sie erkennen und erforschen, die Kinder in religiös-nationalem Geist erziehen, gründlich und tiefschürfend die religiöse Literatur studieren, beginnend mit der Bibel und dem Talmud bis zu den letzten Geonim, Forschern, Kabbalisten, Wissenschaftlern und Dichtern, die Ideen der jüdischen Religion und der jüdischen Ethik überall verbretten und vertiefen usw. Die Juden in Polen haben noch eine sehr große und heilige Aufgabe vor sich. Richtiger gesagt: sie haben eine heilige, erhabene, höchst wichtige und höchst verantwortliche Mission. In Polen wurde der Chassidismus geboren, in Polen hat er sich entwickelt und verzweigt, differenziert und geteilt und dort ist er auch zerbröckelt und in mancher Hinsicht niedergegangen. Die polnischen Juden müssen aber frooim, ernst und klug den teuren Schatz bewahren, den ihnen der Unendliche mit seiner Rechten in seiner großen Huld geschenkt hat: die Glorie, die auf den jüdischen Propheten von Podolien und Wolhynien ruht: dem Baalschem, dem Maggid von Meseritsch, Rabbi Nachman Bratzlawer, dem Raw von Ljadi, auf ihnen und ihren Schülern und Nachfolgern, den Schatz von Gottesfurcht, Demut, Ergebenheit, Heiligkeit, Weltgedanken und Weltgesichten, in dem Keime einer alt-neuen Weltreligion ruhen, welche die Menschheit erneuern, erheben und von allem Falschen,