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Der Jude · 1916-05-01 · Heft 2 (Mai 1916) · p. 93

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 2 (Mai 1916)
Article
Aufgaben der polnischen Juden
Date
1916-05-01
Page
93 (sequence 5)
Language
German
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Adolf Böhm: Jüdische Positionen in Palästina 93 Niedrigen und Gemeinen erlösen wird. Dieser teure Schatz ist jetzt in Polen im Verschwinden begriffen oder von kleinlich politischen Machinationen, Zänkereien, persönlichen, engherzigen Abrechnungen entstellt. Der Chassidismus in Polen muß zurückkehren, wenn er nicht untergehen will (und er darf nicht untergehen, denn „ein Gedanke, der von der höchsten Weisheit stammt, kann nicht vernichtet werden"), zurückkehren zum Baalschem und seinen gottbegnadeten Schülern. Man muß den Chassidismus zuerst wieder an seine Quelle zurückbringen, dann wird er die Geister und Gemüter aller Menschen befruchten. Weit, weit über Polens Grenze muß das heilige chassidische Wort getragen werden, weit sogar über das ganze jüdische Volk, und dieses Wort soll mit seiner Macht und Innerlichkeit alle Menschen rufen und wecken zur wahren Liebe, zur wahren Gerechtigkeit und zur wahren „Herrschaft des Himmels11. Warschau Hillel Zeitlin JÜDISCHE POSITIONEN IN PALÄSTINA Prüft man den jüdischen Besitzstand in Palästina, so erscheint er, rein ziffernmäßig betrachtet, nicht allzu groß*): 2Prozent der gesamten oder ca. xo Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche sind in jüdischem Besitz. Die jüdische Bevölkerung des Landes — ca. 100000 Köpfe — macht bloß ein Siebentel der Einwohnerzahl aus und beträgt noch nicht 1 Prozent der Gesamtjudenzahl der Welt. Und dabei ist von diesen 100000 Juden kaum ein Drittel als produktives Element anzusehen. Mehr als dreier Jahrzehnte hat es bedurft, um auch nur dies Wenige unter ungeheuren Opfern an Gut und Blut zustande zu bringen. Auf diese relative Geringfügigkeit des Vorhandenen stützt sich immer wieder die Behauptung von der Bedeutungslosigkeit des Zionismus, die von seinen jüdischen und nichtjüdischen Gegnern von Zeit zu Zeit verkündet wird. Diese Beweisführung krankt aber an einem schweren Fehler. Sie arbeitet nur mit toten Ziffern und beachtet nicht die ungeheure lebendige Energie, die das Geschaffene unüberwindlich erscheinenden Schwierigkeiten abgerungen hat, und nicht die Intensität des Wollens, das auf eine kraftvolle Weiterführung des Kolonisationswerks gerichtet ist. Erfaßt man aber den Geist, der hinter den Dingen steckt, die Art der Arbeit, die geleistet wurde, die Stärke der Antriebe, die heute am Werke sind, das schon Vorhandene auszubauen, und vor allem die Lebenskraft, die ihm innewohnt, dann ist das „Wenige", das wir in Palästina heute besitzen, ein vollgültiger Beweis für die Möglichkeiten und Aussichten des zionistischen, auf die Wiedergeburt des jüdischen Volkes im heiligen Lande gerichteten Strebens. Eine Prüfung, wie das Ansiedlungswerk zustande kam und weitergeführt wird, ist deshalb unendlich viel wichtiger für die Bildung eines richtigen Urteils darüber, als ein bloß statistischer Nachweis seines *) Eine knappe Aufzählung sämtlicher jüdischer Kolonien, Institute usw. findet man in dem kleinen „Zionistischen Merkbuch" von Hugo Schachtel, Berlin 1913. Ein umfangreiches, vorzüglich wissenschaftliches Werk über „Die jüdische Kolonisation Palästinas11» stellt tos so betitelte Buch von Dr, Curt Nawratzki, München 1914, dar.

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