Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-05-01 · Heft 2 (Mai 1916) · p. 91

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 2 (Mai 1916)
Article
Aufgaben der polnischen Juden
Date
1916-05-01
Page
91 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875861-3102817--0146-3102878
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Aufgaben der polnischen Juden 91 anderen sucht» selbst aber mit Füßen tritt, wird endlich doch ihre Stimme in der Welt vernehmen lassen. Dann wird jedes unterdrückte Volk sein Recht fordern. Auch das jüdische Volk, das jetzt in vielen Ländern seiner Rechte beraubt ist. wird seine Stimme vernehmen lassen und wird Gerechtigkeit fordern. Fordern wird es für sich volle Völkerfreiheit, freie Entwicklung und Selbstbestimmung. Vor allem aber elementare Bürgerrechte in allen Ländern des Golus. Es wird seinen noch uneingelösten Wechsel der Menschheit präsentieren, und die Menschheit wird ihn, wenn sie ein reines Gewissen haben will, einlösen müssen. Wenn dieser günstige Augenblick kommen wird und den Juden die Möglichkeit gegeben wird, ihre gerechten Forderungen offen auszusprechen und sie zu verteidigen, muß im Chor aller anderen jüdischen Stimmen sich auch die Stimme der polnischen Juden hören lassen, als derer, die am meisten unter Willkür und Unrecht gelitten haben. Frei, stolz, stark und offen werden sie erklären: wir bitten um kein Almosen, um keine Barmherzigkeit, als Menschen fordern wir vor allem unsere Menschenrechte! * Die Juden in Polen bilden als kompakte Masse, die fast tausend Jahre ein eigenes, eigenartiges Leben führt, eine besondere nationale Gruppe, die außer den genannten allgemein jüdischen auch noch besondere Aufgaben zu erfüllen hat. Sie muß ihre Minderheitsrechte in Polen selbst verteidigen. Die allgemein-nationale Arbeit darf der besonderen keinen Abbruch tun. Denn wenn auch die polnischen Juden Palästina als Zentrum des jüdischen Volkes erstreben, dürfen sie dabei doch nicht vergessen, daß, bis das große Ideal eines Zentrums und einer großen Siedlung vollständig verwirklicht werden kann, viel Zeit vorübergehen wird, und, im Falle seiner Verwirklichung, die verschiedenen verwickelten Fragen der nationalen Gruppen in den Golusländern nicht gelöst werden. Auch im besten Fall: wenn Palästina einen großen Strom der jüdischen Emigration in sich aufnehmen könnte, oder im schlimmsten Fall: wenn viele Juden gezwungen sein werden, irgend wohin zu flüchten, werden noch sehr viele Juden in Polen bleiben. Für sie, die polnischen Juden, ist es sehr wichtig, daß ihre Minderheitsrechte in dem Lande, in dem sie, besonders in den Städten, immerhin eine große Masse ausmachen, verteidigt werden. Um eigene Rechte zu fördern und zu bewahren, müssen die polnischen Juden ökonomisch und kulturell vereinigt sein. Heute sind sie noch weit entfernt von einer Vereinigungsaktion. Sie müssen aber eine solche Vereinigung mit allen Kräften anstreben, sonst werden sie untergehen. Die Juden in Polen müssen einig sein, um den Antisemitismus zu bekämpfen, der in Polen herrscht, und alle seine ökonomischen und kulturellen Erscheinungen. Der Antisemitismus in Polen ist viel stärker, organisierter, tiefer und mächtiger als irgendwo anders. Man muß auf ihn reagieren durch vereinte ökonomische und national-kulturelle Tätigkeit. Nicht durch sklavische Assimilation und durch Verleugnung und Vernichtung des nationalen Ichs wird man den Antisemitismus bekämpfen können, sondern durch die Forderung und Verteidigung eigener Rechte als Bürger des Landes und als Menschen einer besonderen nationalen Gruppe. Wird man durch diese Mittel ihn nicht vollständig niederkämpfen können, so wird man ihn doch bedeutend abschwächen. Die Juden in Polen, die schon fast tausend Jahre dort wohnen, hängen mit be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.