Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Die ostjüdische Gemeinde
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 87 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Die ost jüdische Gemeinde 87 zwei Talmud-Thora's zu treffen. Allerdings bedarf es einer so scharfen Trennung, wie die zwischen Chassidim und Misnagdim, durchaus nicht, um zwei geistlichen Rabbinern in einem Städtchen zu begegnen» das nicht einmal einem Rabbiner ein angemessenes Gehalt gewähren kann. Die unhaltbaren rechtlichen Verhältnisse und der schwankende Boden, auf dem das ganze Gemeindewesen gegründet ist, mußten einen Partikularismus erzeugen, der desorganisierend wirkt und ein unüberbrückbares Hindernis für jede normale Entwicklung ist Die durch die kleinlichen Zänkereien und ganz eigenartigen „Partei"kämpfe geschwächte Gemeinde ist geradezu geeignet, in die Hände von unverantwortlichen „Führern" als Beute zu fallen. Die zwei Extreme, das anarchische Prinzip und die Autokratie, haben sich merkwürdigerweise gut zusammengelebt in der jüdischen Gemeindepolitik. Wenn es dem Juden einerseits schwer fällt, in einem anderen Juden einen Vorgesetzten zu sehen (es gilt noch immer, nach dem uralten Muster: „mi somcho lerosch" — „wer hat dich zum Oberhaupt ernannt" — zu fragen), so verstehen es andererseits doch die jüdischen Demagogen am besten, sich als „Führer" durchzusetzen und in unverantwortlicher Weise zu regieren. Und wenn es verfehlt wäre, von einer Klassenherrschaft in der Gemeinde zu sprechen, so darf man nicht verhehlen, daß es in früheren Zeiten eine wahrhafte Kliquenherrschaft gab. Die „Korobka" war in früheren Jahren der Brennpunkt, der die demagogischen Gemeindeführer organisierte; die „Korobka"-Pacht, die Taxe genannt, verlieh diesen Rädelsführern die geheimnisvolle Kraft zum Regieren. In den letzten Jahren liegen die Verhältnisse bedeutend besser. Wenn auch noch keine rechtliche Grundlage für eine radikale Neuordnung der Verhältnisse erkämpft worden ist, so haben doch viele Gemeinden, besonders die größeren, bedeutende Fortschritte auf allen Gebieten des Gemeindewesens erzielt. Manchen Großgemeinden ist es gelungen, die Verwaltung der verschiedenen charitativen und Bildungsinstitute zu zentralisieren. Hie und da wurden „Zedokoh-Gedoloh's" gegründet: zentrale Stellen, welche die einzelnen Vereine zu speisen und deren Tätigkeit zu kontrollieren haben. Soweit es das Gesetz erlaubt, konnten in einigen Großstädten sogar ständige Gemeindevertretungen gewählt werden. Allen diesen Surrogaten eines geregelten Gemeindewesens kann zwar nur die Bedeutung von Palliativen beigemessen werden, sie sind aber zugleich wichtige Bausteine für den zukünftigen Gemeindebau, denn sie erziehen zu geordneter Arbeit und lassen Erfahrungsmaterial sammeln. Letzteres ist um so höher zu bewerten, als gerade auf dem Gebiete der Gemeindepolitik und Kommunalwirtschaft noch nichts geschaffen worden ist. Noch vor zehn Jahren war die Gemeinde ein verlassenes und fast vergessenes Wesen. Durch das Steuersystem, das doppelte Rabbinat und viele andere Eigentümlichkeiten kompromittiert, galt die Gemeinde als hoffnungsloser Kranker und alles, was jung war und Lebenskraft besaß, hielt sich fem von ihr. In früheren Jahrzehnten pflegte man die „Korobka" sehr häufig als Sumpf der jüdischen Welt zu tadeln« Die „Taxe" und der „Baal-Taxe" („Korobka"-Pächter) lieferten immer wieder dankbares Materia! für heftige publizistische Artikel und beißende Satiren. Später hat man sogar auf das Recht der Kritik verzichtet, und die Gemeinde wurde verachtet und totgeschwiegen. Ohne eine eigentliche Kultusgemeinde zu sein, nahm die jüdische Gemeinde den Charakter einer religiösen Vereinigung an, und diese Tatsache verschärfte noch den Kontrast zwischen diesem Institut und der jüdischen Gesellschaft. Die halb assimilierte Intelligenz sah in der Gemeinde das Symbol der nationalen