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Der Jude · 1916-05-01 · Heft 2 (Mai 1916) · p. 81

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 2 (Mai 1916)
Article
Die ostjüdische Gemeinde
Date
1916-05-01
Page
81 (sequence 2)
Language
German
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Die ostjüdische Gemeinde 81 Aus dem Gesagten geht hervor, daß die jüdische Gemeinde und die von ihr unter* haltenen Anstalten ein sehr kümmerliches Leben fristen» Nur in bezug auf die Entrichtung der verschiedenen Steuern und andere Pflichten tritt die Gemeinde als ein Ganzes auf, für organisierte positive Arbeit bildet sie keine rechtliche Basis. Die Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung sind aber groß und mannigfaltig, und dem kann nur durch weitgehende private Initiative geholfen werden. In der Tat sind auch die meisten von den Juden auf Grund ihrer religiösen, kulturellen und anderen Interessengemeinschaft geschaffenen Institutionen auf diese Weise entstanden. Der Rabbiner, das geistliche Oberhaupt der Gemeinde, existiert rechtlich überhaupt nicht; einen inoffiziellen Charakter haben auch viele von den synagogalen und weltlichen Vereinen. Es sind das voneinander getrennte Glieder, der Körper als Ganzes aber existiert nicht. Es hat zwar oft den Anschein, als wären die Glieder organisch miteinander verbunden, und mancher ahnungslose Jude glaubt sich im festen Bunde mit der ganzen jüdischen Welt (Olom) zu befinden, worauf ein innerliches Gefühl der Sicherheit gegründet ist. Der einzelne Jude fühlt sich schwach» hält aber die Gesamtheit seiner Gemeinde (den „Zibur") für widerstandsfähig gegen einen Schlag: „In den Leiden der Vielen steckt ein guter Teil Trost." Gar gern versteckt sich der Jude in schlechten Zeiten hinter der Mauer der Gesamtheit (Klal) und tröstet sich mit dem jüdischen Spruch: „Wos s'wet sein mit Klal-Isroel, wet sein mit Reb-Isroel." Das sind aber nur geistige Fäden, welche die Mitglieder des Volkes sich eng miteinander verknüpft fühlen lassen; besonders trifft das für die kleineren Ortschaften zu, wo die Juden häufig noch sehr abgeschlossen von der nichtjüdischen Umgebung leben. Allerdings ließen die Auswanderung nach Amerika, die jfBildung eines umfangreichen Großstadtpublikums, die materielle und geistige Differenzierung im Judentum auch hier Merkmale einer Spaltung erkennen und neue Gedanken aufdämmern, die mit jenem Gefühl der Abgeschlossenheit und Sicherheit im schroff« sten Widerspruch stehen. Die alte Welt stirbt aus, die traditionelle jüdische Einigkeit gehört nun der Vergangenheit an und ist nicht mehr als eine dauernd wirkende Kraft zu bewerten. Diese Erkenntnis dringt immer mehr in das Bewußtsein weiter Volkskreise, und man ist bestrebt, eine feste Grundlage für die kommunale Organisation zu schaffen. Dem fremden Beobachter, dessen Auge die geistigen Fäden nicht bemerken kann, erscheint freilich die jüdische Gemeinde als ein organischer Körper» was dadurch zu erklären ist, daß die Beschränkungen, denen die Juden ausgesetzt sind, eine permanente Mauer bilden, hinter der man sich unwillkürlich ein geschlossenes Ganzes denkt. Das der Judengesetzgebung der russischen Regierung zugrunde gelegte Prinzip der gegenseitigen Bürgschaft verleiht dem ganzen jüdischen Gemeinwesen einen sonderbaren, fast mittelalterlichen, geheimnisvollen Charakter und für den mystisch veranlagten Russen ist es ein Rätsel. Die verlogenen Feinde des jüdischen Volkes machen sich daher das „Ahnungsvermögen" der intellektuell wenig entwickelten Masse zunutze, indem sie ihr die „Enthüllung" bringen, daß ein „Kahal" auch jetzt noch existiere, natürlich ein geheimer, unterirdischer ... t IL In Wirklichkeit ist der „Kahal" im Jahre 1844 abgeschafft worden, und seitdem ist es mit der jüdischen Selbstverwaltung aus. Freilich waren die Verhältnisse schon vor 1844 traurig genug, denn die Regierung Nikolaus L hat den „Kahal" in eine Hella. 6

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