Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-05-01 · Heft 2 (Mai 1916) · p. 78

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 2 (Mai 1916)
Article
Die jüdische Selbstverwaltung im polnischen Staate
Date
1916-05-01
Page
78 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875861-3102815--0130-3102865
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

R. Salman: mit den Juden nach Polen gekommen waren, schon lange ihre deutsche Muttersprache vergessen hatten. Allmählich fand der in Einsamkeit erstarkende Jude die Quellen seines alten, eigenen Ichs* Und am Ausgang dieser Waadepoche stiegen gerade auf dem religiösen Gebiete gewaltige uralte Kräfte aus der Tiefe des Juden* tums empor, die des alten Geistes Israels würdig waren. Da wurde Polen zerrissen. Dieser Zerfall des polnischen Staates bedeutete zugleich die Vernichtung der jüdischen Selbstverwaltung innerhalb dieses Staates. Der erste Vorstoß gegen die Autonomie war eigentlich schon früher erfolgt. Schon die Ruinierung der jüdischen Gemeinden zur Zeit der Kosakenaufstände und die wirtschaftlichen Mißstände, die der schwedische Krieg mit sich gebracht hatte, machten es dem Waad unmöglich, den ständig wachsenden Steuerforderungen nachzukommen. Im achtzehnten Jahrhundert stiegen die Steuern der Juden» die regulären sowohl wie die außerordentlichen, die übrigens sehr bald auch zu regulären wurden, ins Unermeßliche. Allmählich gerieten die Gemeinden und der Waad selbst in Schulden, wodurch seine finanzielle Lage noch wesentlich verschlimmert wurde. Die Folge war, daß die jüdische Bevölkerung gegen die strengen Maßnahmen der Steuereinziehung durch die Gemeinde zu murren begann und daß andererseits die polnische Regierung mit den finanziellen Leistungen der jüdischen Organisation nicht mehr zufrieden war. Im Jahre 1764 — acht Jahre vor der ersten Teilung des Staates — beschloß der polnische Reichstag, die Steuern der Juden dadurch zu erhöhen, daß er dem Waad die fiskalen Funktionen entzog und statt dessen einen individuellen Steuermodus einführte. Das jüdische Parlament wurde dadurch seitens der polnischen Regierung als überflüssig betrachtet und aufgehoben. Der polnische Waad von Pilica im Herbst 1763 und der litauische von Sluzk im Jahre 1761 ahnten nicht, daß sie zur letzten Tagung ihres Parlaments gekommen waren. Trotzdem war damit die Autonomie selbst noch nicht aus der Welt geschafft. Mit doppelter Energie und Zähigkeit befestigte sich die Selbstverwaltung, die jetzt ausschließlich auf die inneren und geistigen Angelegenheiten beschränkt war, hinter den Zitadellen der noch immer bestehenden Rayonskonferenzen und der felsenfesten Kehiloth. Vielleicht wäre diese Beschränkung von vornherein besser gewesen: die Steuer-» funktion hatte wohl die Autorität des Waads nach außen hin erhöht, innerhalb des Judentums aber brachte sie vielleicht mehr Schaden als Nutzen. Inzwischen kamen neue innere Schwierigkeiten hinzu. Die jüdische Organisation stand wiederum vor einer historischen Prüfung* Sie sollte beweisen, daß sie die innere geistige Spaltung, die der Chassidismus mit sich gebracht hatte, zu überdauern imstande war. Da brach das Jahr 1772 herein. Die neuen Erben Polens waren ihrem Zeitgeiste und ihrer historischen Tradition nach am wenigsten dazu geeignet, die jüdische Selbst« Verwaltung zu fördern, ja sogar sie nur zu dulden. Aber auch innerhalb des verkleinerten Polens bedeutet dieser politische Verfall eine grundsätzliche Änderung der inneren Politik. Zusammen mit dem Glanz der Unabhängigkeit verschwindet auch völlig die alte Toleranz. Ohne die Gründe des Unglücks dort suchen und finden zu können, wo sie wirklich lagen, sahen die Führer der polnischen Öffentlichkeit die Urquelle allen Übels im „Separatismus" der Nationalitäten, in erster Reihe der Juden. Zum erstenmal erscholl damals in Polen die Parole, den jüdischen „Staat im Staate" zu bekämpfen, diesen selben „Staat", den das freie Polen noch vor kurzem selbst sanktioniert und gefördert hatte. Zum ersten-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.