Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-05-01 · Heft 2 (Mai 1916) · p. 79

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 2 (Mai 1916)
Article
Die jüdische Selbstverwaltung im polnischen Staate
Date
1916-05-01
Page
79 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875861-3102815--0131-3102866
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Di« jüdische Selbstverwaltung im polnischen Staate 79 mal wurde damals in Polen die aus Frankreich stammende Ansicht herrschend, daß die Juden in der Kultur des sie umgebenden Volkes aufgehen müßten, tun Bürger dieses Landes sein zu können; eine Ansicht, die im krassesten Widerspruch zur ganzen Geschichte des unabhängigen Polens steht Und als in den Jahren 1788 bis 1791 (zwischen der ersten und zweiten Teilung des Reiches) das große vierjährige Reformparlament tagte, welches die Wunden des in Agonie darniederliegenden Vaterlandes zu heilen hatte, und die Erneuerungsliteratur unter den verschiedenen Problemen auch die Judenfrage aufwarf, wurden die Grundsteine der Judenpolitik des unfreien Polens gelegt. Die konservative Richtung, die durch A. Zamojski damals besonders heftig vertreten wurde, suchte die Juden wirtschaftlich zu verdrängen und sich ihrer zu entledigen. Die liberale Richtung dagegen mit Butrymowicz, Czacki und Kollontaj an der Spitze war wohl bereit, die Juden als gleichberechtigte Bürger zu betrachten, forderte aber die vollkommene Aufhebung der jüdischen Autonomie, die Vernichtung der Kehiloth-Organisationen, die Ersetzung der jüdischen Umgangssprache durch die polnische und sogar durch die Kontrolle über die jüdische Literatur« Umsonst protestierte damals der Rabbiner zu Chelm, Kersch Josephowitsch, gegen diese Einmischung Polens in die inneren jüdischen Kulturangelegenheiten, umsonst schrie er, daß „dieAufhebung der Autonomie zur völligen Vernichtung des jüdischen Volkes führen müsse"*). Das staatlose Polen hatte dafür kein Verständnis mehr. Diese beiden Richtungen behielten die Vorherrschaft in der polnischen Öffentlichkeit bis auf den heutigen Tag. Verdrängung oder Aufsaugung, Boykott oder Polonisierung, das sind die einzigen Alternativen, die das geknechtete Polen für die Juden hatte. So spricht — mit der Terminologie der jüdischen Geschichte gesagt — das Galuth-Polentum. Das polnische Volk hat aber nicht aufgehört ein Volk zu sein, auch nachdem der polnische Staat zugrunde gegangen war. Ebenso hat auch die jüdische Nationalität ihren nationalen Charakter auah nach der Aufhebung der jüdischen Autonomie nicht verloren. Die Polonisierungsbestrebungen hatten unter den Juden ebensowenig Erfolg wie die Germanisierungs- und Russifizierungsbestrebungen unter den Polen, von einer dünnen Schicht von Überläufern und Verrätern abgesehen. Die überwiegende Mehrzahl des polnischen Judentums ist jetzt, wie zur Zeit des „waad ha-arazoth", wirtschaftlich und politisch mit Polen auf das engste verknüpft, geistig und nationalkulturell aber blieb es wie überall, wo ein Kulturvolk in großen Massen lebte, abgeschlossen, eigenartig, beruhend auf sich selbst. Wohl hat sich die Geisteskultur innerhalb der Judenheit neu gestaltet, der nationale Charakter dieser Kultur ist aber dadurch nicht um das mindeste geschwächt worden. Das polnische Volk ebenso wie die Judenheit bilden historisch ausgeprägte nationale Individuen, die genügend uralte Kraft in sich besitzen, um jedem Vergewaitigungsversuch auf das energischste Widerstand zu leisten. Und so wie jede neue politische Kon* stellation die alte Hoffnung des polnischen Volkes auf Wiederherstellung seiner nationalen Selbständigkeit naturgemäß von neuem aufleben läßt, ebenso organisch n*uß sie auch das Streben der Juden nach Wiederherstellung ihres Selbstbestimmungsrechts innerhalb dieses Landes von neuem erwecken. Berlin R. Salman •) S. M. Dubnow, „Jewreiskaja Pofecha w epocbu posljedftfeh razdjelow". „Jewr. Starina" W, 1911, S.445.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.