Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Die jüdische Selbstverwaltung im polnischen Staate
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 77 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die jüdische Selbstverwaltung im polnischen Staate 77 da sie doch eine nationale Existenz im Galuth möglich zu machen berufen war, das Streben nach Erlösung verwischt und etwa eine Galuthbejahung hervorgebracht? Nichts wäre falscher als dies anzunehmen. Im Gegenteil liegt es in der logischen Konsequenz einer Autonomie, daß die nationale Eigenart des Volkes unter ihrem Schut» sich erst recht frei entfaltet, und der Solidaritätsgedanke des Alljudentums ebenso wie die Sehnsucht nach Erlösung sind die Hauptzüge der jüdischen nationalen Eigenart. Tatsächlich wurde damals jedes Unglück in Israel, ob es nun Ausweisungserlasse in Schlesien, Pogrome in Kremsier, Greueltaten während des dreißigjährigen Krieges in Böhmen und Deutschland, die letzte Vertreibung aus Wien, die Vernichtung der Gemeinden durch die Kosakenhorden in der Ukraina waren, von der polnisch-litauischen Judenheit als ihr eigenes Leid empfunden und zur Linderung der Not die Initiative ergriffen. Nicht weniger zeigt sich diese Universalität auch auf geistigem Gebiete. Der Ruhm der Rabbiner, die Popularität der Jeschiwoth und die moralische Autorität des Waads kannten keine Reichsgrenzen. Aus Konstantinopel wurden die „polnischen Geonim" in schwierigen Rechtsfragen konsultiert und aus Amsterdam wurde beim Waad Rückhalt in Religionsfragen gesucht. Angesehene Rabbiner aus Holleschau oder Wien kamen persönlich nach Polen, um den Sessionen des Waads beizuwohnen*). Es gab keine einzige bedeutende religiöse, literarische oder gesellschaftliche Strömung im gesamten Judentum, die nicht Schutz und Stütze beim Waad suchte. Und die Sehnsucht nach Erlösung? Selten war dieses Gefühl so wach, wie gerade in diesem Jahrhundert und nirgends fanden die Kabbalisten~in Saphet einen so tiefgehenden Widerhall als in Polen. Einer der bedeutendsten polnischen Rabbiner und Führer des Waads, R. Dawid Segal, war es, der seine Söhne zu Sabbatai Zwi sandte, und gerade in Polen hat die messianische Bewegung später eine Massenemigration unter Leitung des Rabbi Jehuda Chassid nach Palästina hervorgerufen. Gerade der Waad war es auch, der die palästinensische „Chalukkah" in die Höhe brachte und sogar den Beschluß faßte, gemäß welchem jede Gemeinde eine spezielle Palästinakommission zu wählen verpflichtet war**). Besäßen wir die ausführlichen Protokolle des Waad und nicht bloß Bruchstücke seiner Beschlüsse, so hätten wir wahrscheinlich am Ende der Eröffnungs- und Schlußreden des Vorsitzenden das traditionelle und sehnsuchtsvolle „Uwa l'Zion Goel" nicht vermißt. Die Predigten eines R. Ephraim Lentschiz oder R. Berachja Darschan, die während der Sessionen in der Synagoge des Waad gehalten wurden, bürgen genügend dafür. Aber nicht nur alte Volkseigenschaften wurden damals gestählt, sondern unter den Fittichen der Autonomie wurden neue gediegene Waffen im Kampfe um die jüdische nationale Existenz geschmiedet. Die reiche Gerichtspraxis und die ausgedehnte rabbinische Korrespondenz regten damals die Kodifizierungstendenzen von neuem an und die Autorität der Waadmitglieder führte das „Schulchan Aruch"-Schrifttum zu seiner Sanktion und Kanonisierung. Das jüdisch-deutsche Idiom der aus Deutschland eingewanderten Juden wurde zur vollgültigen Sprache und gebar sogar eine Literatur zu einer Zeit, wo die Deutschen, die gleichzeitig •) €tm\p2) "pHD *3rOÖ" von Ch. N. Dembitzer, S.-A. aus "nr&oa -tflNwi IV, herausgeb. von Gräber, Krakau 1892, S. 234. ••) Pinkas ha-medina, § 814.