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Der Jude · 1916-05-01 · Heft 2 (Mai 1916) · p. 76

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 2 (Mai 1916)
Article
Die jüdische Selbstverwaltung im polnischen Staate
Date
1916-05-01
Page
76 (sequence 5)
Language
German
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76 R, Salman: Um die Kreditoperationen unter den Juden zu ermöglichen, erfinden sie juridische Mittel» das biblisch-talmudische Zinsenverbot zu umgehen („Takanoth ha'Ribith")*) \ um den Handel zu fördern, führen sie den polnisch-jüdischen Wechselbrief („Mamran")**) ein. Und als unter dem Druck des ökonomischen Verfalls, der nach den Chmielnicki-Jahren besonders schwer auf den Juden lastete, die Bankerottfälle sich unter den Juden gemehrt hatten, verfaßte der Waad einen ausführlichen Bankerottkodex („Takanoth ha'Borchim")***), der die Gläubiger schützte. Den Hauptgegenstand seiner Aufmerksamkeit aber bildeten die Kulturellen und geistigen Angelegenheiten des Volkes. Er regelte das Rabbinatswesen, förderte die Volkspredigt, organisierte und leitete das Schulwesen, bestimmte den Bildungsgrad der Lehrer, das Programm des „Cheder", die Zahl der Schüler in jedem „Cheder", sogar den Schulplan und die Schrift, in der die Schulbücher gedruckt werden sollten, unterstützte die Jeschiwoth, sorgte für die materielle Lage der Bachurim, gründete Talmud-Toroth für Arme, förderte das Bücherverlagswesen. Um etwaige wirtschaftliche Reibungen zwischen den Juden und den Polen zu verhindern, wagte der Waad, der die Stimmung in den nichtjüdischen Kreisen genau verfolgt hatte, selbst in die wirtschaftlichen Verhältnisse einzugreifen und die Berufe der Juden in Einklang mit den Interessen der Polen zu bringen. So waren z. B. die Reichsabzahlungen in Masovien meistens von den Polen gepachtet« Die Konkurrenz der Juden auf diesem Gebiet hat eine antisemitische Stimmung hervorgerufen und der polnische Adel verlangte auf den Landtagen, den Juden die Ausübung dieses Berufes zu versagen. Um diese Stimmung aus dem Wege zu räumen, sah sich der Waad berechtigt, die Interessen der jüdischen Pächter in Masovien dem allgemeinen jüdischen Interesse zu opfern und er beschloß, den Juden den Pachthandel in dieser Gegend zu verbieten. Tatsächlich finden wir zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts eine große Anzahl jüdischer Pächter in Litauen und Wolhynien, Podolien und Rotrußland, aber nicht mehr in Westpolen f). Als die polnische Geistlichkeit einen Ritualmordprozeß nach dem anderen inszeniert hatte, suchte der Waad Hilfe bei der Regierung. Und als diese nicht ausreichend zu sein schien, sandte er Boten nach Rom und erreichte, daß das Oberhaupt der gesamten katholischen Welt die Ritualmordmärchen aufs schärfste verdammte. Als die von den Jesuitenschülern in jüdischen Städten veranstalteten Pogrome wüteten, wußte der Waad sogar einen Beschluß zu fassen, den wir nur als Produkt der neuesten nationalen Strömung unter der jüdischen Jugend Rußlands im zwanzigsten Jahrhundert zu betrachten gewohnt sind. Er organisierte damals einen jüdischen Selbstschutz^). Hat aber diese Autonomie, die doch bloß auf die Grenzen des polnischen Staates beschränkt war, zwischen den polnischen Juden und ihren Brüdern jenseits Polens eine Wand errichtet und ihr Solidaritätsgefühl geschwächt? Oder hat sie, *) V*DDH DtLMIp von Rabbi Jehoschua Valk, 1607. **) Ph. Bloch, Der Mamran, der jüdisch-polnische Wechselbrief, in „Festschrift zum siebzigsten Geburtstag von A. Berliner'*, Berlin 1903. ***) pbwT] mJDD von R. Binjamin Seew aus Pintschew, Berlin 1713. t) S. M. Balaban, „Jewreisky Seim w Pofeche" in „Istorija Jewreiskago Narcda", B. XI, Verlag „Mir", Moskau 1915. tt) S.M. L.Wischnitzer, „Litcwsky Waad*', ibid. S. 199, und Pinkas ha-medina, 8335.

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