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Der Jude · 1916-05-01 · Heft 2 (Mai 1916) · p. 75

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 2 (Mai 1916)
Article
Die jüdische Selbstverwaltung im polnischen Staate
Date
1916-05-01
Page
75 (sequence 4)
Language
German
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Die jüdische Selbstverwaltung im polnischen Staate *5 Organisation nicht zu bekämpfen, sondern sich zunutze zu machen: sie verlieh ihr die Funktion des Judenfiskus» Die Konferenzen dieser Organisation mußten die Steuern der Judenheit Polens auf die verschiedenen Gemeinden verteilen und für die Einziehung derselben der Regierung gegenüber bürgen. Die jüdische Organisation erhielt damals nicht nur die Leitung der inneren gestigen Angeleigenheiten! sondern der gesamten Interessensphäre der polnisch-litauischen Judenheit und zugleich auch die hohe Sanktionierung der polnischen Regierung. Dadurch wurde die jüdische Autonomie mit ihren Parlamentsessionen (im Reiche „waad ha-ara*oth"t in Litauen vom Jahre 1623 an „waad ha-medinoth" genannt) an der Spitze zu einer felsenfesten und weit ausgedehnten Macht, die sich gegenüber den etwas zerfahrenen Teilen des polnischen Staates häufig vorteilhaft in bezug auf Geschlossenheit und Organisation auszeichnet und in der gesamten Geschichte der jüdischen Diaspora kaum ihresgleichen findet. Zwei Jahrhunderte lang existierte diese autonome Organisation der polnischlitauischen Judenheit. Fast zwei Jahrhunderte lang versammelten sich regelmäßig die höchsten Instanzen dieser Organisation: der „waad ha-arazoth" anfangs einmal und später zweimal jährlich in der Regel in Jaroslau und Lublin; der „waad ha-medinoth4' seltener, meist in Selez, Chomsk oder Brest-Litowsk. Zur Seite dieses Parlament^ das zum größten Teil aus Nichtrabbinern zusammengesetzt war und das sich hauptsächlich mit den Fragen der jüdischen Politik und Öffentlichkeit zu beschäftigen hatte, stand eine von den Gemeinden erwählte, aus den bedeutendsten Fachgelehrten zusammengesetzte Rabbinersynode, die sich mehr mit Rechtsfragen und Bücherzensur be=- faßte. Die Rayonskonferenzen, die die Abgeordneten des Waad in den Provinzen einberiefen, sowie die lokalen Gemeindeverwaltungen waren die Exekutivorgane, welche die Aufgabe hatten, die Beschlüsse des gesetzgebenden Waad auszuführen. Der Waad» von dessen Einberufung die polnische Regierung immer in Kenntnis gesetzt wurde und der von ihr als gesetzlicher Repräsentant der Judenheit im Staate anerkannt war, sandte spezielle Delegierte — sogenannte Schtadlanim — nach Warschau, die dort während der Tagungen des Reichsparlaments (Sejm) die Interessen der polnischen Judenheit zu vertreten und später den Waad auf dem laufenden zu halten hatten. Um der jüdischen Politik den Charakter der Einheitlichkeit zu verleihen, verbot der Waad den Juden, selbständig an die Regierung heranzutreten und sich mit Anklagen und Bitten direkt an den „Sejm" zu wenden*). Ohne die kulturelle Auflösimg der Juden in der Landesbevölkerung zu bezwecken, aber ohne sie auch befürchten zu müssen, konnte der Waad bei den Juden die Treue zum Staat und das Bewußtsein der bürgerlichen Pflichten pflegen und stärken. Unter der segensreichen Wirkung der Selbstverwaltung ist der Ghettojude innerlich zum Bürger erhoben worden, im staatlichen wie im jüdischen Sinne. Denn mehr als nach außen waren die Blicke dieser jüdischen Volksvertreter nach innen gerichtet. Gemeindewesen und Volkserziehung, Handel, Wanderung und Wohltätigkeit, Synagoge und Schule und Markt und Haus, alles dies wurde von ihnen geregelt und geleitet. •) Pinkas ha-medina (Beschlüsse der Tagungen des Waad ha'medinoth in Litauen — 1623—1761 —, mit einer Übersetzung von Dr. J. Tuwim und einem Geleitwort von S. M. Duboow) § 534. Beilage zur Vierteljahrsschrift der jüdischen historisch-ethnographischen Gesellschaft „Jewrefsfcaja Starina", St Petersburg,

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