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Der Jude · 1916-05-01 · Heft 2 (Mai 1916) · p. 71

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 2 (Mai 1916)
Article
Das Gestaltende
Date
1916-05-01
Page
71 (sequence 4)
Language
German
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Das Gestaltende 7t Alle die Menschen der jüdischen Geschichte und des jüdischen Mythos, von denen ich spreche, wollen gestalten, und sie wollen vor allem ihr Volk gestalten. Penn sie alle» die die Urkraft des Volkes entsendete, ihre Hand und ihr Mund zu werden, suchten ihre Aufgabe in keiner Ferne des Allgemeinen, sondern da, wo sie ihnen unmittelbar gegeben war, ihnen gegeben war durch das unabweisbar eindringliche Phänomen der Entzweiung im Juden und im Judentum und durch die Größe des dem Juden eingeborenen Strebens nach Einheit, welches das Streben nach Gestalt ist* Sie wollen ihr Volk gestalten, und eben dadurch gestalten sie die Menschheit. Denn der Jude ist ja nicht ein Wesen besonderer Art, und das, was ich von ihm gesagt habe, ist nicht eine besondere qualitative Bestimmung, sctadern es ist so, daß dieser urmenschliche und allmenschliche Vorgang, daß das Geheimnis und Ur~ geschick der Dualität hier, im Judentum, stärker, reiner, fordernder als in irgendeiner andern Gemeinschaft hervortritt, daß die Aufgabe der Überwindung hier dis größte ist, ~ daß aber eben deshalb durch ihre Erfüllung Vorbildliches, Lenkendes für die Menschheit geschieht. So ist denn auch im jüdischen Messianismus, im Glauben an das kommende Reifen der Welt zu göttlicher Gestalt, beides eins geworden: das vom Geiste gestaltete Volk und die vom Geiste gestaltete Menschheit sind eins, die Sache des Judentums und die Sache des Menschentums sind eins. Es ist die Sache der Gestaltung; es ist die Sache des Geistes, der sich der Wirklichkeit der Menschen« gemeinschaft aufprägen will; es ist die Sache Jahwes, der sein Bild im ErdenkloS ausformte. Ich habe von den Menschen der jüdischen Vorzeit gesprochen; der Zeit, in der aus der Gewalt des Gegensatzes, aus dem Kampfe der beiden Prinzipien, die Fruchtbarkeit, die Schöpfung des Volkes gedieh und das Volk in den Gewittern der Mieder« lagen und Siege seine Fesselung und seine Lösung erlebte» Aber es ist nicht so geblieben. Und wenn wir zwischen einer Epoche der jüdischen Antike und einer Epoche nicht des jüdischen Mittelalters — der Begriff wäre unrechtmäßig —wohl aber der spezifisch jüdischen Epoche eines „Golus" zu scheiden berechtigt sind, so sind wir es vor allem deshalb, weil das Golus dem Judentum eine tiefe soziale Erkrankung gebracht hat. Denn jener Gegensatz und Widerstreit des Gestaltenden und des Gestaltlosen, das war, so furchtbar sie sich auch zuzeiten darstellen mochte, die Gesundheit des Judentums. Seine Krankheit im Golus, das ist die Ohnmacht und die Entfremdung der Gestaltenden. Es geschah, daS jener ewige Prozeß im Judentum nicht mehr zum Austrag kommen konnte, weil mit einer unerhörten Kraft sich ereignete, wovon ich vorher gesprochen habe: das Gestaltlose in den Bereich des Geformten einbrach und die Form zersetzte, das Gemeinschaftsgebilde seinem entstellenden Einfluß ausgeliefert und darunter starr und taub und sinnlos wurde, und das Reich des gestaltenden Geistes verdrängt wurde von dem Reich der verwesenden Gestalt So blieb die ewige Aufgabe im Judentum jahrhunderte-, jahrtausendelang ertötet, Wohl gab es noch die Art von Menschen im Judentum, die ich die Gestaltenden genannt habe, aber sie waren verurteilt, entweder zu einem unterirdischen oder zu einem außerjüdischen Leben. Die einen verzehrten sich in krampfhaften und verflackernden Versuchen, ihre natürliche Funktion im Volke wiederzuerlangen, ohnmächtigen Fortsetzungen jener großen Kämpfe der Vorzeit; die anderen wurden dem Judentum entfremdet und entsagten ihm, um Raum für ihr Werk zu gewinnen. All diese Ohnmacht und Entfremdung der Gestaltenden aber

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