Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-05-01 · Heft 2 (Mai 1916) · p. 70

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 2 (Mai 1916)
Article
Das Gestaltende
Date
1916-05-01
Page
70 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875861-3102814--0120-3102857
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

r* Martin Buber: sich nehmen, das Volk zu gestalten. Denn wie im einzelnen Juden, so ist im Judentum, sichtbarer als sonstwo in der Welt, ein Kampf zwischen dem Gestaltenden und dem Gestaltlosen* Die Geschichte des Judentums und die Geschichte der großen Juden ist in ihrem Kern nichts anderes als eine Darstellung dieses urmenschlichen, allmenschiichen, hier aber besonders verdichteten und verdeutlichten Prozesses. Ewig wiederholt sich das Los der Gestaltenden, der Sieg in der Niederlage; ewig wiederholt sich ihr Schicksal und ihre Bestimmung, Die zentralen Menschen, die in der Wirklichkeit und in dem Mythos der jüdischen Geschichte stehen, sind Träger und Verkünder dieses einen großen Vorgangs. So baut sich das führende Leben Moses auf dem gewaltigen Rhythmus einer zwiefältigen Bewegung auf: der Versuche des abgesandten Mannes, aus einer trägen Masse gewohnter Knechte ein freies und einiges Volk zu schaffen, und des unablässigen Anstemmens und Anrennens dieser Masse gegen die formende Idee. Das Wort, das Datan und Abir&m dem Mose als Botschaft zuschicken, als er sie vor sich fordert — Lo naale! Wir wollen nicht hinaufgehen! — ist das Urwort dieses Schicksals und dieser Tat. Denn mitten in all diesen Niederlagen, mitten in seinem Leiden und Erliegen siegt Mose seine großen Siege, und sein Tod, der ein Sinnbild all seines Nichtvollbringens ist, der Tod im Angesicht des Landes, ist zugleich ein Sinnbild dieses Sieges in der Niederlage, des äußeren Zusammenbrechens, des inneren Oberwältigens, Und ein gleiches ist Los und Werk der Propheten. Unter diesen Männern, die aufstanden, um das von seinen unbew&ltigten Trieben auseinandergezerrte, der Gestaltung widerstrebende Judentum zur Einheit im Dienst des Geistes zu erziehen und zusammenzuzwingen, hat nur einer eine Lebensgeschichte, alle anderen haben ihre Worte allein hinterlassen. Ein einziger, Jeremija, erzählt sein Leben, und dieses Leben spricht noch stärker vielleicht als das Moses die Wahrheit aus, daß der Kampf um die Gestalt nirgends so groß und so tragisch war wie im Judentum. Lesen Sie diese Lebensgeschichte, lesen Sie, wie der Mann Jeremija gegen die Machthaber und gegen das Volk streitet, weil beide, Machthaber und Volk, seiner Forderung widerstreben, lesen Sie, wie er geschlagen, in den Stock gelegt, in die Grube geworfen wird — f>in die Grube, da nicht Wasser, sondern Schlamm war, und Jeremija sank in den Schlamm" — lesen Sie, wie die Leute von Anatot, seines Geburtsortes, zu ihm kommen und ihm sagen: „Weissage nicht im Namen Jahwes, wenn du nicht willst, daß du unter unseren Händen sterbest/' Und noch ein drittes Beispiel will ich anführen, das Beispiel nicht einer Lebensgeschichte sondern eines Mythos; aber wenn die Lebensgeschichte die Wirklichkeit eines Einzelnen ist, so ist der Mythos die Wirklichkeit eines Volkes, denn in ihm wird die innerliche Struktur des Volkswesens, das Geheimnis der Seele und der Bestimmung eines Volkes wirklich und offenbar, und so ist er, von der großen Historie aus gesehen, realer als irgendetwas, was man historisch nennt. Solch einen Mythos, in dem das Vergangene zusammenschoß und das Künftige keimte, hat das jüdische Volk für das Ohr Gottes und das der Menschen gedichtet im 53. und 53* jesajanischen Kapitel, in dem Kapitel vom Knechte Jahwes, der nicht mehr durch äußeres Tun, sondern durch die unsichtbare und wirkende Gewalt seines Lebens, dadurch, daß „seine Seele arbeitet", das Gestaltlose, das Reich der „Sünde"- zum Reiche Gottes gestaltet; er wird geschlagen und gemartert, er wird „von dem Lande des Lebendigen abgeschnitten", aber er siegt in der Wahrheit, denn „die Sache Jahwes gerät durch seine Hand".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.